Handbuch 5. Auflage

Neue Religiösität und Spiritualität 1111 Autonomie, ja eine Art von Gehirnwäsche, zu be- fürchten? Muss also vor der neuen Religiosität ge- warnt werden? Neue Religiosität als Mitgliedschaft in NRM kann, so wird behauptet, mit der Gefahr psychopathologischer Veränderung der Persönlich- keit, zumindest mit der Gefahr psychischer Ab- hängigkeit (Klosinski 1996a, 1996b) einhergehen. Besonders in den USA wurden darüber heftige Kontroversen geführt. Nicht allein Warnungen vor den Gefahren der neureligiösen Gruppen, sondern klare Anweisungen für die Befreiung bzw. Depro- grammierung von Menschen, die in einer Art Ge- hirnwäsche von neuen Religionen vereinnahmt worden seien, sind in der sogenannten Anti-Kult- bewegung in den USA publiziert und teilweise auch in Deutschland erschienen (Hassan 1993; Singer / Lalich 1997). Zahlreiche Kollegen aus der Religionspsychologie und Religionssoziologie ha- ben sich kritisch mit der These von der Gehirn- wäsche in NRM auseinandergesetzt, ihre Unwis- senschaftlichkeit erwiesen und in Erklärungen der American Psychological Association festgestellt (Dokumente und Beiträge in: Melton / Introvigne 2000; Zablocki 2001). Eine verwandte Kontroverse ist die um die psy- chische Gesundheit von Mitgliedern in NRM. Ri- chardson (1978; 1985; 1992; 1995; 2000; Ri- chardson / Introvigne 2007), einer der Pioniere in der Erforschung, Bewertung und juristischen Ein- schätzung von NRM, fasst zusammen (1995, 164): „Thus, it seems time to admit that participation in the new religions is similar to that of participation in other, more ‘normal’ religious groups.“ Entspre- chend fassen Lilliston und Shepherd (1999, 128) aus einer beachtlichen Anzahl empirischer Studien zu den Folgen der Mitgliedschaft in NRM zusam- men: „(S)everal well-constructed, systematic studies of current members of a variety of New Religious Movements pre- sent data that converge towards a clear conclusion of absence of any unusual degree of psychopathology among these members. This conclusion contrasts greatly with the conclusion of critics who rely on anecdotal data provided by ex-members in therapy and by their families. [...] However, these cases fall far from the central ten- dency of all groups surveyed, thus leading to the general conclusion that good mental health is typical among adult members in all these studies.“ Ein ähnlich moderierendes Fazit zu Gewalt und Manipulation und zu den biografischen Vorausset- zungen und Folgen einer NRM-Mitgliedschaft wurde auch für die von der Enquête-Kommission sogenannten Sekten und Psychogruppen des 13. Deutschen Bundestags eingeladene Biografiefor- schung, zu der ich die Untersuchung über Mit- glieder und Dekonvertiten im Umfeld christlich- fundamentalistischen Gruppen beigetragen habe (Streib 1998a, Streib 1998b), gezogen: „In welcher Weise individuelle Problemlagen und Lebens- themen bearbeitet werden, liegt weniger an der Verfaßt- heit der Milieus und Gruppen als vielmehr am Passungs- verhältnis zwischen Individuen und Gruppen. […] Manipulative Vereinnahmungsversuche gingen nicht über das Maß hinaus, wie es in vergleichbaren Konfliktsitua- tionen des sozialen Alltags üblich ist.“ (Deutscher Bun- destag, Enquête-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ 1998, 22) Die teilweise erhebliche Fluktuation in NRM, die auf individuelle Kräfte zu Ausstieg und Emanzipa- tion hinweisen, und die sorgfältige biografisch-re- konstruktive Analyse von Interviews mit Ausstei- gern sprechengegendieThese von einer psychischen Gefährlichkeit der NRM. Außer Krisen sind auch Transformation und Ich-Stärkung im Kontext von NRM zu beobachten. Auf ähnlicher Linie liegen auch die Ergebnisse un- serer bereits erwähnten Dekonversionsstudie (Streib /Hood et al. 2009). Die Analyse von 99 Interviews mit Dekonvertiten hat zwar gezeigt, dass insgesamt 16 – und daraus neun Aussteiger aus NRM – professionelle Hilfe in Beratungsstellen oder Therapieeinrichtungen in Anspruch genom- men haben. Aber alle haben die Krise überwunden und bei einigen ist ein post-traumatisches psy- chisches Wachstum erkennbar. Insgesamt sehen wir für unsere 99 Probanden die These widerlegt, dass Dekonvertiten einen außergewöhnlichen Be- darf an therapeutischer Hilfe benötigen, der über das hinausgehen würde, was in Situationen von Trennung und Verlust im Allgemeinen zu erwarten ist (231). Aus diesen zahlreichen Ergebnissen psychologi- scher und biografisch-rekonstruktiver Forschung ergibt sich eine Ent-Dramatisierung der Sicht auf Konversion und Zugehörigkeit zu NRM-Gruppen. Gleichwohl bleibt für die Beratung ggf. viel zu tun,

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