Handbuch 5. Auflage

1116 M. Spitzer  motorik zuständig sind. Wird dagegen eine kom- munikative Bewegung des Mundes (Sprechen, Bellen) beobachtet, dann führt nur die Beobach- tung des Menschen zur Aktivierung. Es geht also nicht um die Simulation der bloßen Bewegung, sondern um die Simulation der Handlung . Vor dem Hintergrund der oben festgestellten Tat- sache des permanenten impliziten Lernens durch Erfahrung ist der Befund, dass die Aktivierung der Spiegelneuronen beim Menschen von der Erfah- rung mit der entsprechenden Handlung abhängig ist: Eine fMRT-Studie an Menschen mit Erfahrun- gen entweder im klassischen Ballett-Tanz oder in einem brasilianischen Kampftanz mit afrikanischen Wurzeln, dem Capoeira, zeigte jeweils eine stärkere Aktivierung der Spiegelneuronen der Tänzer beim Betrachten des Tanzes, auf den sie jeweils speziali- siert waren (Calvo-Merino et al. 2005). Lernen Menschen eine komplexe motorische Fähigkeit durch Nachahmen, sind ebenfalls Spiegelneuronen im Spiel (Buccino et al. 2004b). Nicht nur Aktionen, sondern auch Wahrnehmun- gen und Emotionen können von bestimmten Neuronen repräsentiert werden, unabhängig da- von, ob sie (subjektiv) bei sich selbst oder (ob- jektiv) bei anderen erlebt werden. Sehe ich bei- spielsweise, wie mein Partner Schmerzen erleidet, dann werden diejenigen Bereiche in meinem Ge- hirn aktiv, welche für die negative affektive Kom- ponente meiner eigenen Schmerzen zuständig sind (Singer et al. 2004). Ganz ähnlich verhält es sich beim Ekel , der entweder in mir steckt oder von mir bei einem anderen wahrgenommen wird (Wicker et al. 2003). Die Schadenfreude ist eine soziale Emotion par excellence, und an ihr lässt sich besonders ein- drucksvoll verdeutlichen, wie sich ein Phänomen durch die vertiefte neurobiologische Aufklärung seiner Mechanismen besser erschließt (Spitzer 2003; 2004b). Man spielte zunächst eine Art Ver- trauensspiel (in der Literatur als „Gefangenendi- lemma“ bekannt), bei dem Spieler Nr. 1 einem zweiten Spieler entweder vertrauen kann oder nicht (Singer et al. 2006). Vertraut er ihm, dann wird Spieler Nr. 2 dieses Vertrauen entweder rechtfertigen und sich fair verhalten oder er wird dieses Vertrauen missbrauchen. Menschen möch- ten fair behandelt werden und mögen daher auch faire Mitspieler; unfaire mögen sie nicht. Ins- gesamt 32 Versuchspersonen (16 Männer und 16 Frauen) lagen nun im Magnetresonanztomogra- fen (MRT) und wurden von einem zweiten Spie- ler entweder fair oder unfair behandelt. Um Empathie zu erzeugen, ging man wie folgt vor: Ein elektrischer Reiz wurde auf dem Handrücken der rechten Hand gesetzt, wobei bereits vor dem Experiment die Stromstärken bestimmt wurden, die für eine schmerzhafte Stimulation notwendig waren. Mit Hilfe von Spiegeln konnte die Ver- suchsperson die rechten Hände der beiden Mit- spieler sowie die eigene rechte Hand sehen. Die im Scanner liegende Versuchsperson sah zunächst ei- nen Hinweisreiz, der anzeigte, ob entweder sie selbst oder der faire Mitspieler bzw. der unfaire Mitspieler einen leichten, nicht schmerzhaften elektrischen Reiz oder einen schmerzhaften elek- trischen Reiz verabfolgt bekommen würde. Sechs Sekunden nach diesem Hinweisreiz wurde ein klei- ner Kreis gezeigt, der den Beginn der elektrischen Stimulation sowie die Art der Stimulation und de- ren Empfänger anzeigte. Während der gesamten Empathie-Test-Phase gab es jeweils zehn solche Versuchsdurchgänge für die sechs Bedingungen (schmerzhaft versus nicht schmerzhaft, bei den drei Personen). Die beiden Mitspieler waren jeweils vom gleichen Geschlecht, es gab aber alle vier mög- lichen Kombinationen im Hinblick auf das Ge- schlecht der Versuchsperson im Scanner und das Geschlecht der Mitspieler. Nach der MRT wurden die Versuchspersonen mit- tels Fragebogen noch zu ihrer Einstellung gegen- über den beiden Mitspielern gefragt, unter ande- rem danach, wie sie diese mochten und ob sie Rachegefühle ihnen gegenüber hatten. Sowohl die Männer als auch die Frauen schätzten die koope- rierenden Mitspieler als fairer, angenehmer, mehr gemocht und attraktiver ein. Dieses experimentelle Design erlaubte es, zunächst einmal zu replizieren, dass imGehirn einer Versuchs- person eigene Schmerzen in einem „Schmerznetz- werk“ verarbeitet werden, in das die Areale „Insel“ und „anteriorer Gyrus cinguli“ eingebunden sind (Abb. 2). Die Aktivierung des anterioren Gyrus cinguli war bei den Frauen signifikant, bei den Män- nern nur grenzwertig (schematisiert nach Daten aus Singer et al. 2006, Fig. 2a, b). Ausmaß der Aktivie- rung (rechts) der Insel ist beidseits bei Männern (schwarze Säulen) und Frauen (weiße Säulen), her- vorgerufen durch die Wahrnehmung, dass ein fairer oder unfairer Mitspieler Schmerzen hat (Daten

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=