Handbuch 5. Auflage

1118 M. Spitzer  ger Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern der Gruppe nahm zu, der Zusammenhalt in der Gruppe dagegen ab: Es bildeten sich Grüppchen (Cliquen), das soziale Netzwerk zerfaserte und ge- meinschaftliche Aktivitäten – gegenseitiges Lausen, Miteinander-Spielen und Zusammensitzen – nah- men ab. Auch bei den Affen muss also die Polizei selbst- bewusst auftreten, sodass ihre Autorität nicht an- gezweifelt wird und damit handgreifliche Aus- einandersetzungen erst gar nicht entstehen. Wenn dies aber der Fall ist, dann ist allen Mitgliedern der Gemeinschaft klar, dass Konflikte nicht eskalieren. Wenn dies wiederum der Fall ist, fällt es ihnen leichter, miteinander Umgang zu haben. Sind In- teraktionen zwischen den Mitgliedern der Gruppe dadurch erst einmal wahrscheinlicher, werden ko- operative Austauschsituationen, soziales Lernen und damit die Voraussetzungen von „Kultur“ über- haupt erst geschaffen. Natürlich überleben auch die Kleinen besser, wenn das Aggressionsniveau der Gruppe insgesamt niedrig gehalten wird. Damit beschränkt sich die Auswirkung der „Poli- zisten“ in der Affengesellschaft keineswegs nur auf das Schlichten von Streit. Durch ihre Anwesenheit wird vielmehr eine ganze Reihe sozialer Funktio- nen überhaupt erst ermöglicht, welche die Gesell- schaft als Ganze „sozialer“ und damit lebenswerter (aber auch effektiver, im Sinne von größerer evolu- tionärer Fitness) macht. Weil Fairness auch für das Verhalten von Affen eine Rolle spielt (Brosnan /De Waal 2003), wäre damit ein bedeutsamer Mecha- nismus für die Entstehung und Aufrechterhaltung größerer sozialer Verbände identifiziert: Die männ- lichen Individuen erleben Fairness bzw. die Be- strafung von unfair handelnden Zeitgenossen als emotional positiv, und bestrafen abweichendes Verhalten, wenn es sein muss, sogar auf eigene Kosten. In zivilisierten Gesellschaften gibt es dafür die Polizei, deren Existenz indirekt bewirkt, dass wir Freunde und Helfer haben. In einer eigenen Studie zum Einhalten sozialer Normen (Spitzer et al. 2007) bei Androhung von Bestrafung (Fehr /Gächter 2002) konnten wir zei- gen, dass diese komplexe geistige Leistung vom Zusammenspiel mehrerer Bereiche der Gehirn- rinde abhängt, zu denen nicht zuletzt der orbito- frontale Kortex gehört, der aus einer Reihe von Studien mit der Repräsentation und Verarbeitung von Werten befasst ist. Vertrauen Vertrauen hält eine Gemeinschaft zusammen, ist sozialer Kitt, der dafür sorgt, dass wir unseren All- tag bewältigen können. Was auch immer zwei oder mehr Menschen gemeinsam vorhaben, setzt gegen- seitiges Vertrauen voraus. Tony Blair hat seine Wähler im Hinblick auf einen Kriegsgrund belo- gen, und die Wahlen am 5. Mai 2005 im Vereinig- ten Königreich haben gezeigt, was es heißt, Ver- trauen zu verspielen. Wir vertrauen im Alltag nicht nur anderen Menschen, sondern auch gesellschaft- lichen Institutionen bzw. deren Vertretern. Wir vertrauen der Polizei und der Bundeswehr, den Ärzten und den Richtern, nicht aber den Mana- gern und schon gar nicht den Politikern. Das ha- ben wir mit den Engländern gemeinsam. Soziologen haben darauf hingewiesen, dass Ver- trauen umso wichtiger wird, je komplizierter eine Gemeinschaft ist. Vertrauen reduziert Komplexität, ist soziales Kapital, das in Gesellschaften mehr oder weniger vorhanden ist und das mit Wirtschafts- wachstum und mit Lebensqualität in Verbindung gebracht wird (Fukuyama 1995). Vertrauen ist, ebenso wie Wahrnehmungen, Gedanken und Ge- fühle, eine Leistung des Gehirns. (Spitzer 2005) Um die Entstehung von Vertrauen neurobiologisch zu untersuchen, führten in einer Studie jeweils zwei Personen gleichzeitig in zwei MR-Scannern liegend und miteinander wirtschaftliche Trans- aktionen aus, bei denen es um Vertrauen ging: Der eine investierte, der andere konnte als Treuhänder einen Teil der Gewinne zurücküberweisen. Oder auch nicht (King-Casas et al. 2005). Geschieht dies wiederholt, entsteht eine Dynamik: Der Investor wird zunächst vorsichtig investieren. Erhält er mehr als investiert zurück, lohnt sich die Investition also für ihn, wird er beim nächsten Mal mehr investieren. Dann wird der Treuhänder auch dazu neigen, entsprechend mehr zurückzuüber- weisen etc. Es kann sich also gegenseitiges Vertrauen aufbauen (oder nicht!), und die Analyse des Ver- haltens der Versuchspersonen zeigte zunächst, dass sie nach der einfachen Formel Wie du mir, so ich dir handelten. Die Analyse der Daten aus dem MR ergab Folgen- des: Beim Treuhänder zeigte sich in einer einzigen Gehirnregion (dem Kopf des Nucleus caudatus beidseits) eine signifikante Aktivierung sofern er dem Investor vertraute. Weitere Analysen zeigten,

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=