Handbuch 5. Auflage
Neurobiologie 1119 dass dieser Bereich des Treuhänder-Gehirns zu An- fang des Spiels auf die Investition reagiert , d. h. nach der Bekanntgabe der Investition aktiv wird. Gegen Ende des Spiels agiert die gleiche Gehirn- region jedoch bereits vor der Bekanntgabe der In- vestition. Dies zeigt weder, dass Vertrauen im Gehirn sitzt (wo sonst? Man wusste das schon vorher!), noch dass man seinem Nucleus caudatus vertrauen soll (wie manche Pressekommentare zu dieser recht spektakulären Studie meinten). Es geht vielmehr um die Aufklärung der Frage, wie Menschen mit- einander umgehen und damit – im wahrsten Sinne des Wortes – um Aufklärung (Spitzer 2010). Schließlich sollte ein besseres Verständnis der Me- chanismen der Entstehung von Vertrauen dazu beitragen können, das Ausmaß an Vertrauen in unserer Gesellschaft zu steigern. Hierbei geht es – wohlgemerkt – nicht um Manipulation, son- dern um ein verbessertes Verständnis der Rahmen- bedingungen. Wer weiß, dass ein Pflänzchen Was- ser braucht, um zu wachsen, wird es gießen, wenn er will, dass es wächst. Er manipuliert es damit aber ebenso wenig, wie er Menschen manipuliert, deren Vertrauen er dadurch gewinnt, dass er es rechtfer- tigt. Denn es sind gute Taten und deren verläss- liche Vorhersagbarkeit, die Vertrauen hervorrufen. Wie dies geschieht, vermag die Neurobiologie viel- leicht gut zu verdeutlichen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Rassenvorurteile Dass es bei sozialer Neurowissenschaft um weit mehr geht als um ein „Zentrum“, in dem man eine Aktivierung bei dieser oder jener geistigen bzw. sozialen Leistung nachweisen kann, zeigt eine Un- tersuchung von Richeson und Mitarbeitern (2003) zu Rassenvorurteilen sehr klar, denn nicht so sehr die beteiligten Strukturen (also ein „Rassismus- Zentrum“; Anonymus 2003) machen diese Studie so interessant, sondern die gefundenen Mechanis- men . Sie sei deswegen kurz dargestellt. „Haben Sie etwas gegen Schwarze?“ – Wer so fragt, wird in der Regel Antworten wie „Nein“, „Nein, wo denken Sie hin“ oder „Nein, ich doch nicht“ erhalten, insbesondere, wenn er sich in den USA befindet, wo man sehr genau auf Political Correct- ness achtet. Vorurteile gegenüber Schwarzen, Ro- ten, Gelben, Alten, Jungen, Behinderten, Spaniern, Vietnamesen, Frauen oder irgendeiner anderen gesellschaftlichen Gruppe werden dort ebenso streng geahndet, wie sie faktisch bestehen (die Rasse bestimmt in den USA das Einkommen in ähnlicher Weise wie die soziale Herkunft, das Alter oder das Geschlecht der Person). Wer also die Vorurteile einer Person wissenschaftlich untersuchen möchte, kann dies nicht einfach durch Befragung tun. Diese Einsicht hatte schon Sigmund Freud vor gut einhundert Jahren, und sie bewog ihn dazu, weniger darauf zu achten, was die Leute be- wusst sagen, sondern darauf, was sie unbewusst von sich geben: Seine noch heute sehr lesenswerte Psy- chopathologie des Alltagslebens (Freud 1904) ist voll von Beispielen, in denen Menschen etwas Bestimm- tes nicht sagen wollen und es dann dennoch durch ihre (Sprach-)Handlungen verraten. Bei der Untersuchung von Vorurteilen macht man sich bis heute unbewusste Assoziationen zu nutze, d.h. die bekannte Tatsache erfahrungsabhängiger Informationen in Form neuronaler Verknüpfungen speichernder Netzwerke. Bei Vorgabe des Wortes „kalt“ denken die meisten Menschen an „heiß“, weil im Gehirn letztlich Spuren regelhafter Zusammen- hänge der Umgebung (dazu zählt auch die Sprach- umgebung) repräsentiert sind, also gleichsam die Statistik des Input (Lany /Safran 2010). Nun zeich- nen sich Antonyme dadurch aus, dass sie die gleiche sprachliche Umgebung besitzen (das Haus ist groß/klein; die Suppe ist heiß/kalt; das Auto fährt langsam/schnell; etc), weswegen Gegensätze in un- seren Köpfen von allen begrifflichen Relationen am stärksten miteinander verknüpft sind. Der Implicite Association Test (IAT) dient zur Mes- sung von Vorurteilen, d. h. von automatischen as- soziativen Verbindungen im Gehirn einer Person, mit Hilfe einer einfachen Versuchsanordnung (Abb. 3). Der Proband sitzt vor einem Bildschirm, sieht Wörter und muss durch das Drücken eines von zwei Knöpfen auf die Wörter reagieren: links drücken bei positiven Wörtern und solchen, die einen in der weißen Bevölkerung häufigen Vor- namen darstellen; rechts drücken bei negativen Wörtern und einem in der schwarzen Bevölkerung häufigen Vornamen. In der anderen Bedingung drücken sie links bei po- sitiven Wörtern und einem „schwarzen“ Vornamen sowie rechts bei negativen Wörtern und einem „wei- ßen“ Vornamen. Diese Bedingung ist für praktisch
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