Handbuch 5. Auflage

1126 Seelmeyer · Kutscher  ren. Entsprechend ziele Soziale Arbeit nicht zwangsläufig auf die Anpassung aller Gesellschafts- mitglieder an die herrschenden Normalitätsstan- dards, sondern vielmehr auf die „Einregulierung eines akzeptablen Verhältnisses von konformen und abweichenden Verhaltensweisen“ (Olk 1986, 13). Den Bezugsrahmen hierfür bildeten „in erster Linie sozialpolitisch bedeutsame Normierungen, wie sie etwa in dem so genannten ‚Normalarbeits- verhältnis‘ und dem damit korrespondierenden Modell der bürgerlichen Kleinfamilie hervortreten“ (Seelmeyer 2008b, 300). Böhnisch / Schefold (1985) sahen aber auch in der indirekten Teilhabe an Produktion und Konsum über Versorgungsleis- tungen im Wohlfahrtsstaat eine Form der (sekun- dären) Normalität, mit der – so die Hoffnung – sich Soziale Arbeit aus ihrer sozial- und ordnungspoliti- schen Instrumentalisierung lösen könne (Böhnisch 1996, 413). In der frühen Rezeption modernisie- rungstheoretischer Gesellschaftsanalysen wiederum wurden Prozesse der Pluralisierung und Enttradi- tionalisierung als „Auflösung von Normalität“ (Rauschenbach 1992) (über-)interpretiert und da- mit verbunden die Abkehr von einer Orientierung an „Norm“ und „Abweichung“ eingeleitet. Diese Theorieansätze des späten 20. Jahrhunderts realisieren noch keine tragfähige Konzeptualisie- rung von Normalität als kategorialem Bezugspunkt für Soziale Arbeit (Bettmer 2005, 6), da sie keine „objektiven“, d. h. rational begründbaren Orientie- rungsmaßstäbe als Anhaltspunkt für das Normali- sierungshandeln heranziehen. Modernisierungs- theoretische Analysen, die die Auflösung sozialer Normen wie auch von Normalität proklamieren und damit auch eine darauf ausgerichtete kontrol- lierende Anpassung des Individuums als hinfällig betrachten, werden durch empirische und theo- retische Gegenwartsanalysen (Bourdieu 1982; Ves- ter 2001) infrage gestellt. Schließlich gilt für alle Ansätze, dass Normalität häufig in einem Atemzug bzw. sogar synonym mit dem Begriffsfeld des „Normativen“ benutzt (beispielhaft: Olk 1986, 13) und damit an vielen Stellen als theoretische Kate- gorie unterkomplex behandelt wird, auch wenn Versatzstücke eines differenzierten Normalitätsver- ständnisses durchaus vorhanden sind (beispielhaft: Böhnisch 1996). Normalisierung im Kontext von Gouvernementalitäts-Analysen Während im oben dargestellten Normalitätsbegriff ein gesellschaftlich-normativer Bezugspunkt als vorgängig gesetzt wird, stellen Analysen im Kon- text der Governmentality Studies in der Regel ge- rade ein nichtnormatives, auf statistischen „Tatsa- chen“ beruhendes Konzept von Normalität in den Mittelpunkt. Da für moderne Gesellschaften die Pluralisierung sozialer Wirklichkeiten ein zentrales Merkmal darstellt, können „über die Herstellung gesellschaftlicher ‚Normalität‘ heterogene Wirk- lichkeitskonstruktionen so aufeinander bezogen werden, dass diese im Rahmen einer komplexen und offenen Struktur relativ stabile Ordnungs- muster bilden und damit soziale Ordnung herstel- len“ (Bublitz 2003, 151). „Normalisierung“ trägt hier bei zur „Konstitution des Sozialen durch die Einführung von Verfahren der Standardisierung und Quantifizierung, von Normierungs- und Ska- lierungsverfahren in den Bereich sozialer Wirklich- keiten. […] Sie bildet eine allgemeine Matrix, auf der die Leitdifferenz von Norm und Abweichung nach Maßgabe eines artifiziellen Rasters von Klas- sifikationen abgetragen wird“ (Bublitz 2003, 151 f.). Mit der Orientierung an solchen deskrip- tiv-statistischen Normen können sich Individuen zugleich im Sinne einer dynamischen Stabilisie- rungsstrategie den wechselnden und z.T. exponen- tiellen Entwicklungstendenzen moderner Gesell- schaften flexibler anpassen als dies mit der Orientierung an starren, ethisch-moralischen Nor- men möglich wäre (Foucault 2006, 98; Hark 1999; Stehr 2007). Die Reflexion auf Normalisierung als gouver- nementalen Modus Sozialer Arbeit ist seit einigen Jahren Teil einer Debatte innerhalb der Sozialen Arbeit (Anhorn et al. 2007; Behnisch 2007; Kessl 2005; Seelmeyer 2008a; 2008b), die u. a. gekenn- zeichnet ist von der Frage, inwiefern sich hierin eine grundlegende Tradition Sozialer Arbeit als Regierung von Subjekten abbildet. Sie ist einge- bettet in eine sozialpolitische Entwicklung hin zum aktivierenden Sozialstaat, die eine grund- legende Modifikation der bisherigen Parallelität von normierenden und normativen Prinzipien hin zu einer stärkeren Ausprägung der Normie- rung zur Folge hat (Kessl / Otto 2009, 12 ff.). Diese „neo-soziale“ (Kessl / Otto 2003; Lessenich

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