Handbuch 5. Auflage

Normalität und Normalisierung 1127 2003) Ausrichtung des Wohlfahrtsstaats ist ge- kennzeichnet durch die Aktivierung von Eigen- verantwortung und individueller Risikovorsorge, eine Rhetorik der individuellen Freiheit, eine Orientierung an alternativen Arbeitsformen und Grundsicherungssystemen und insgesamt eine damit verbundene Realisierung von individuali- sierenden Normierungsprogrammen (Kessl / Otto 2009, 14 f.). Die am Ideal von Selbstständigkeit orientierten Leitvorstellungen sozialpolitischer Steuerung gehen einher mit einer Transformation des traditionellen Selbstverständnisses von Pro- fession und Organisationen Sozialer Arbeit und drücken sich auch in entsprechenden normativen Erwartungen an die Klienten aus, Risiken eigen- verantwortlich zu minimieren (Maaser 2006). Dabei ist Soziale Arbeit nicht nur „Betroffene“, sondern auch selbst „– aktivierungspädagogi- sche – Akteurin im Prozess der Deregulierung und Flexibilisierung“ (Kessl / Otto 2010). Tab. 1:  Normalisierung und Normierung Normalisierung Normierung Akteursbegriff „Social Man“ „homo oeconomicus“, Rational-Choice-Akteur zielt auf … Einzelne / konkrete Subjekte „Gesellschaft“ als Ganzes „Raum“ / „Bevölkerung“ / Statistische Einheiten (z. B. „Risikogruppen“) ➞ Sektoriell Bezugspunkt Explizite Normativität, Präetablierte Idealnorm, religiös / ethisch-moralisch /wert- gebunden statisch Normalität als ex-post ermittelter statistischer Durchschnitt, Öko- nomisch-rational (Effizienz), wissenschaftlich-technisch-empirisch abgeleitet dynamisch Leitdifferenz Erlaubt / verboten bzw. erwünscht / nicht erwünscht normal / abweichend (jeweils im Ver- hältnis zu einer statistischen Durch- schnittsnorm) Wahrnehmungs- modus Abweichung von Verhaltens- /  Erwartungsnorm, Bewertung statistische Auffälligkeit, Messung (Interventions-) Modus Persönlichkeits- und / oder status- verändernder Eingriff, Sanktion Selbsttechnologien / Selbstregierung, alltägliche Praxen Ziel Richtiges Verhalten erzeugen /  Abweichung verhindern Produktivität befördern, Herstellung / Überprüfung von Lebens- tüchtigkeit Konsequenz Ermöglichung gesellschaftlicher Teilhabe Ermöglichung der effizienten Funktionsfähigkeit des Gesamten (ggf. um den Preis der Exklusion einzelner) Michel Foucault betrachtet in seinen Gouverne- mentalitäts-Studien Normierung als Machtdispo- sitiv in historischem Zusammenhang mit Diskur- sen einer ökonomischen Regulation, welche auf den Erhalt bzw. die Erhöhung von Produktivität zielt (Foucault 2006, 58 ff.). Im Anschluss an Foucault lassen sich eine disziplinierende und re- gulierende Normalisierung bzw. besser: Normali- sierung und „ Normierung “ (Foucault 1976, 236) unterscheiden: Normalisierung zielt – orientiert an juridoformen, normativen Setzungen – mit Techniken der Disziplinierung auf das Indivi- duum und dessen Ausschließung, Normierung hingegen auf Unterwerfung unter eine normalis- tische Norm über Techniken einer bevölkerungs- bezogenen, eher „indirekten“ Regulierung (Hark 1999). Diese Abgrenzung von disziplinierenden und regulierenden Formen ist bei Foucault jedoch nicht eindeutig bestimmt, disziplinierende und regulierende Zugänge bedingen sich vielmehr ge-

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