Handbuch 5. Auflage

1128 Seelmeyer · Kutscher  genseitig. Fluide Übergänge zwischen diesen Nor- malisierungsweisen finden sich ebenso in Pro- grammen und Handlungskontexten Sozialer Arbeit, beispielsweise in den Prinzipien von Ak- tivierung bzw. der Erziehung zu Selbstregierung in pädagogischen Zusammenhängen. So werden statistisch konstruierte Durchschnittsmaße als Orientierungsnorm verwendet, die wiederum An- lass für disziplinierende Maßnahmen sein kön- nen. Die – mittelbare oder unmittelbare – Dis- ziplinierungserfahrung von AdressatInnen führt wiederum zu einer höheren „compliance“ selbst- regierender Verhaltensweisen mit dem Ziel, Dis- ziplinierung und Sanktionierung zu vermeiden. Entsprechend funktionieren etwa Steuerungs- mechanismen im Bereich der Arbeitsförderung (Arbeitslosengeld II) oder auch die Kontrolle bei Kindeswohlgefährdung. Diese beiden Aspekte – Normalisierung (orientiert an einem Normativitätsbezug) und Normierung (orientiert an Verteilungsphänomenen) – können auf der Basis vorliegender Entwürfe (Seelmeyer 2008a, 184 f.; Foucault 2006, 87 ff.) als grund- legende Modi sozialstaatlichen Handelns ideal- typisch systematisiert werden (Tabelle 1). Somit kann Soziale Arbeit als Feld der Realisierung sowohl von Normalisierung als auch von Normie- rung analysiert werden, wobei es sich eben um eine analytische Trennung handelt und sich empirisch immer Mischformen finden, so dass wir im Fol- genden für den übergreifenden Zusammenhang auch weiterhin den Terminus „Normalisierung“ verwenden werden. Erscheinungsformen von Normalisierung im professionellen Handeln In der Praxis Sozialer Arbeit können Aspekte der Normalisierung hinsichtlich (1) der Definition bzw. Konstruktion der Phänomene, auf die So- ziale Arbeit hin handelt, und (2) der ihr zu Grunde liegenden Interventionslogiken rekonstruiert wer- den. (1) Damit innerhalb der statistisch orientierten Normierungslogik ein Problem bearbeitet werden kann, wird es durch Homogenisierung und Kon- tinuierung identifiziert bzw. konstruiert, durch Messung quantifiziert und damit für den Einsatz von Statistik und Durchschnittmessung als nor- malistische Norm zugänglich. Diese umfasst ebenso eine Toleranzzone zwischen spezifischen Grenzen und stellt den Ausgangspunkt einer nor- malisierenden Intervention dar (Link 1999, 133, 339 ff.). So wird im Kontext Früher Hilfen z. B. vielfach die Basisnormalität „angemessenes Erzie- hungsverhalten“ gesetzt und anhand von „objek- tiven“ Kriterien die Abweichung von dieser Nor- malität im Kontext u. a. von Risikoscreenings zur Früherkennung von Problemlagen durch die Berechnung von Gefährdungs-Schwellenwerten gemessen. Risikofaktoren dienen hier der Einschätzung einer statistisch erhöhten Wahr- scheinlichkeit des Eintreffens negativer Ereignisse im Verhältnis zu einer durchschnittlich erwart- baren bzw. herzustellenden „Normalquote“ (Hen- sen / Schone 2009; Kutscher 2008). Sozialraumbezogene Programme können ebenfalls als normalisierende Interventionen gelesen werden: im Territorialisierungsansatz teilen sie Subjekte ein in Risikogruppen, deren Verhaltensweisen be- obachtet werden, um „passgenaue“ Interventionen umzusetzen (Kessl /Krasmann 2005, 241) – dabei kann bereits das „Nichts-Tun“ als Risiko und Auf- fälligkeit Anlass zum Handeln geben: der „In-Ak- tive“ wird zum „Prototyp des Abweichlers in einem ‚aktivierenden Staat‘“ (Ziegler 2005, 116). (2) Die Logiken, nach denen im Kontext von Normierungsstrategien interveniert wird, sind durchaus anschlussfähig an pädagogische Prinzi- pien (Rieger-Ladich 2004; Lüders 2007), geht es doch um das Arrangieren, Beeinflussen oder Be- fördern von bestimmten Lebensführungsweisen, die auf die Aneignung von Selbsttechnologien zielen – z. B. in der Kinder- und Jugendhilfe bei Erziehungstrainings für Eltern oder Verhaltens­ trainings für Kinder. Als Prinzip liegt hier eine Verhaltenssteuerung zu Grunde, die Bedingungs- faktoren außerhalb der Subjekte systematisch aus- blendet bzw. nicht bearbeitet. Im Kontext der Kindeswohldebatte erfolgt Subjektivierung durch die Responsibilisierung von Eltern, d. h. die Ver- lagerung und Aktivierung von Verantwortung auf Seiten der Eltern und die Fokussierung auf die Notwendigkeit der Aneignung von „Erziehungs- kompetenzen“ als Risiko minimierende Interven- tion (Oelkers 2009; Kutscher 2008).

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