Handbuch 5. Auflage

Normalität und Normalisierung 1129 Ausblick Normalisierung steht in der Sozialen Arbeit als Modus und Bezugspunkt in theoretisch-analyti- scher und programmatisch-handlungsbezogener Hinsicht somit sowohl in einer gewissen Kontinui- tät (hinsichtlich ihrer Thematisierung in der Sozia- len Arbeit) als auch in einer Diskontinuität (ver- bunden mit sozialstaatlichen Wandlungsprozessen) gesellschaftlicher, sozialpolitischer und sozialpäd­ agogisch-disziplinärer Diskurse. Im Vergleich der strukturfunktionalistischen und gouvernementalen Idee von Normalisierung wird deutlich, dass beide einen Bezug auf eine disziplinierende Rolle Sozialer Arbeit beinhalten: während jedoch in der struktur- funktionalen Deutung eine (zwar diffuse) Vorstel- lung von eindeutigen Interessen und konkreten Akteuren besteht, stellen sich die Formen der Dis- ziplinierung in der gouvernementalen Deutung indirekter, als mittelbare Beeinflussung von Rah- menbedingungen dar. Aber auch diese regulierende Form der Normierung ist als „normalistische Norm“ durch einen (normativen) Bezug auf statis- tisch-empirische „Tatsachen“ geprägt und erfährt durch die Einbettung in managerielle sozialpoliti- sche Rahmenbedingungen eine auf Ökonomie und Effizienz (Foucault 2006, 98 ff.) hin ausgerichtete Prägung. Der Bezug auf „Normalverhältnisse“ und die Subjektivierung von Lebensführungsverant- wortung können sogar eine moralisierende Dimen- sion beinhalten, wenn – z. B. im Kontext der Un- derclass-Debatte – rationale Lebensführung als Normalität und abweichendes Verhalten als Ver- stoß gegen das Gemeinwesen thematisiert wird. Vor diesem Hintergrund ist Soziale Arbeit in der Reflexion von Praxis sowie in der empirischen For- schung und der Theoriebildung gefordert, sich mit Mechanismen der Normalisierung bzw. Normie- rung auseinanderzusetzen. Aufzuklären ist hier ins- besondere, welche Normalität wie hergestellt und womit begründet wird. Für die Profession gewinnt die Analyse und Refle- xion von Programmen, an denen Soziale Arbeit mitwirkt, sowie von impliziter und expliziter Nor- mativität im professionellen Handeln – auch im Verhältnis zu institutionellen und sozialstaatlichen Interessen – an Bedeutung. Effektivierungs- und damit verbundene Standardisierungstendenzen in professionellen Handlungskontexten werfen die Frage auf, inwiefern Prozesse, die auf Verfahren der Normierung basieren, einer Deprofessionalisierung Sozialer Arbeit Vorschub leisten. Dies wird ins- besondere deutlich, sofern fallbezogene Entschei- dungsprozesse, die auf professionellen Einschät- zungen beruhen, aufgrund einer unterstellten Nicht-Objektivität und Nichtmessbarkeit zuneh- mend an Anerkennung verlieren und eine unre- flektierte Standardisierung professionellen Han- delns erfolgt (Otto / Schnurr 2000, 16). Forschungsbedarf besteht hinsichtlich empirischer Rekonstruktionen der Herstellung von „Normali- täten“ durch Verfahren und Institutionen inner- halb der Sozialen Arbeit (als „Spezialdiskurs“), so- wie der für die Soziale Arbeit relevanten Elementar- und Alltags- sowie Inter-Diskurse und der sich darüber insgesamt konstituierenden für die Soziale Arbeit bedeutsamen Normalfelder (zur Definition dieser Grundbegriffe: Behnisch 2007, 46 f.). Die Erforschung von Prozessen der norma- listischen Subjektivierungs- und Regierungsweisen bzw. der Selbst-Adjustierung von Individuen in den für Soziale Arbeit relevanten Bereichen kann Erkenntnisse im Hinblick auf alternative Hand- lungsoptionen Sozialer Arbeit ermöglichen. Darü- ber hinaus geht es auch um die Rekonstruktion von Orientierungswissen für (sozialpädagogisches) Handeln von Professionellen im Sinne normativer und normalistischer Bezugspunkte. Für die Theoriebildung ergibt sich die Aufgabe, Kon- stitutions- undWirkmechanismen von Normalität zu analysieren und dabei auch über implizite normative Gehalte von Normalitätsbezügen in der Sozialen Ar- beit aufzuklären . Die für die Praxis konstitutive normative Orientierung wirft zwangsläufig aber auch für die als Handlungswissenschaft zu verste- hende Disziplin Sozialer Arbeit die Frage nach ihrer normativen Orientierung und Grundlegung auf (Oelkers et al. 2008). Es zeigt sich, dass die mit der Normalisierungsidee verbundene scheinbare „Ent- Normativierung“ disziplinäre Diskurse für eine implizite normative Füllung von Begriffen öffnet, die auch gegen ein sozialpädagogisches Selbstver- ständnis gewendet werden kann. Beispiele hierfür sind ökonomisch-konsumeristische Interpretatio- nen eines rein deskriptiv hergeleiteten Dienstleis- tungsbegriffs (kritisch: Kutscher 2002, 218 ff.) oder die Orientierung an evidenzbasierter Praxis, bei der die Ausrichtung an einer empirischen Wis- sensbasis mit einer Effizienzorientierung verknüpft wird (kritisch: Otto et al. 2009). Als mögliche Ant-

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