Handbuch 5. Auflage

1134 Hamburger  die Nutzer der Sozialen Dienste als Rechtsträger und nicht als „Sozialschmarotzer“ definiert werden. In Kategorien der „öffentlichen Ordnung“ dagegen kann sich aber das dominante Modell der „zu- gestandenen“ Sozialleistungen als „Almosen“ durchsetzen. Während das Habermas’sche Modell der Öffent- lichkeit an einer historischen Konstellation erarbei- tet wurde und er die Gegenwart von Massenme- dienöffentlichkeit kritisch sieht, geht das „Arenamodell“ von Öffentlichkeit von der Existenz eines eigenen gesellschaftlichen Subsystems aus, in dem sich Publikum und Kommunikatoren gegen- überstehen. Das Konzept der Öffentlichkeit im Sinne einer Arena von Sprechern und Publikum versteht sich im Unterschied zu dem Habermas’schen Öffent- lichkeitsbegriff als deskriptiv-analytisches Modell (Gerhards /Neidhardt 1991). Dieses „Arenamo- dell“ ist als Mehrebenenmodell konzipiert und differenziert diese Ebenen nach den Kriterien der Reichweite und des Zugangs. Die Encounter-Öf- fentlichkeit als Kommunikation zwischen wenigen Personen an beliebigen Orten hat eine geringe Reichweite und ist für jedermann leicht erreichbar. Die Ebene der Versammlungsöffentlichkeit hat eine mittlere Reichweite und setzt für den Zugang zu- mindest ein gewisses Interesse voraus. Die Massen- medien bestimmen die dritte und „allgemeine“ Ebene in dem Sinne, dass die Reichweite sehr groß und gleichzeitig ein Einfluss nehmender Zugang sehr schwer ist. Diese Differenzierung lässt sich, bezogen auf das Feld der Sozialen Arbeit, in der Weise übertragen, dass der Öffentlichkeit, in der man sich umstands- los treffen kann, die Öffentlichkeit von Einrich- tungen entspricht, die explizit offen sind und mit dieser Offenheit werben. Der Versammlungsöffent- lichkeit entspricht die der Verbände, Organisatio- nen und Zusammenschlüsse von Personen und Einrichtungen der Sozialen Arbeit; und zur Öffent- lichkeit der massenmedialen Arena haben in der Regel nur legitimierte und potente Sprecher Zu- gang. Die Massenmedien selbst haben aber den Zugriff auf alle Ebenen der Sozialen Arbeit, ins- besondere können sie die Lebenswelten ihrer Adressaten durchleuchten und skandalisieren, und sie können entscheiden, was sie aus der Einrich- tungsöffentlichkeit in die Schweinwerfer der gro- ßen Arena stellen. Dem ist die Soziale Arbeit in der Regel ausgesetzt. Da wo sie etwas zu verbergen hat (z. B. Gewalt in Heimen), übt der massenmediale Zugriff demokratische Kontrolle aus. Und zugleich können die Medien rigide das Feld der Sozialen Ar- beit gegen die Interessen ihrer Nutzer begrenzen und die Nutzer selbst stigmatisieren. Die Ambiva- lenz ist nicht hintergehbar. Die Soziale Arbeit in der Öffentlichkeit Die empirische Forschung zur Darstellung der So- zialen Arbeit in der Öffentlichkeit ist nach wie vor marginal (Hamburger 2005; Puhl 2002; 2004; Hamburger /Otto 1999), das Bild der Sozialarbei- terInnen / SozialpädagogInnen ist seit Skiba (1972) nicht mehr untersucht; dies gilt auch für andere pädagogische Berufe wie den des Lehrers (Tenorth 2007). Die Praxis der Sozialen Arbeit steht weit- gehend im Licht der kommunalen / regionalen Öffentlichkeit; sie wird als Ausdruck eines fürsorg- lichen Gemeinwesens dargestellt. Mit ihr kann man Werbung betreiben und politische Anerken- nung erwerben. Dies kommt den Sozial-Sponso- ring-Konzepten der Unternehmenskommunika- tion entgegen. Dies gilt auch für das öffentliche Bild der Wohlfahrtsorganisationen und ihr Inte- resse bei der Spendenwerbung. Sie werden aber auch kritisch beobachtet, und was in den Medien als Fehlverhalten erscheint, wird deutlich an- geprangert. Fälle von Missbrauch oder Gewalt in sozialen Einrichtungen werden sensibel wahr- genommen und deutlich kritisiert. Da soziale Tä- tigkeit und Altruismus hohe Anerkennung genie- ßen, werden Organisationen, die solche Leistungen beruflich erbringen und deshalb solche Anerken- nung nur eingeschränkt genießen, gerade im Falle von Versagen zum Objekt von Medienkam- pagnen. Dies gilt insbesondere für Fälle, in denen Kinder das Opfer von Gewalt und Vernachlässigung wer- den – insbesondere in Einrichtungen, aber auch wenn die Hilfsorganisationen die Kinder nicht schützen konnten. Seit dem Fall „Kevin“ im Ok- tober 2006 (Hoppensack 2008) solche Berichte große Resonanz gefunden haben, kommen The- men auf die Titelseiten der Zeitungen und in die Talkshows des Fernsehens, die vorher in den „Nachrichten aus der Unterwelt“ abgehandelt

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