Handbuch 5. Auflage
Öffentlichkeit(en) 1135 worden waren. Während hierbei beispielsweise die Praxis der Jugendämter als Zurückhaltung gegenüber den gewalttätigen Familien skandali- siert wird, inszenieren Eltern, deren Kinder von Jugendämtern in Obhut genommen wurden oder denen von Gerichten das Sorgerecht entzogen wurde, gegenläufige Öffentlichkeitskampagnen gegen einen „übergriffigen“ Staat. Die Folgen solcher Kampagnen sind nicht untersucht (Pre- scher 2007) und schwerer einzuschätzen als die der Kampagnen über straffällige Ausländer, „Monsterkids“, „Sozialschmarotzer“ und andere Nutzer der Sozialen Arbeit (Winkler 1999b; Cremer-Schäfer 2000). In den Massenmedien er- regt Aufmerksamkeit, was Nachrichtenwert hat und in die Konstruktionsinteressen der Medien („Nachrichtenfaktoren“) sich einfügt (Beck 2007, 167 f.). Fälle aus der Sozialen Arbeit, die im Kon- text von Gewalt, Konflikt, Spannung, Emotiona- lität liegen und hohe Grade von Personalisierung aufweisen („Florida-Rolf“; es handelte sich um einen Mann, der Sozialleistungen – auf ärztlichen Rat hin – in Florida bezog, Rolf hieß und den BILD monatelang als typischen „Sozialschmarot- zer“ darstellte) eignen sich sehr gut für Berichte, in denen sich Politik und Medien selbst als Ak- teure auf eine moralisch anerkannte Position in der Arena der Öffentlichkeit stellen können. An- gesichts der Ambivalenz der Kampagnen ist es je- denfalls zu einfach, die Unfähigkeit der Sozialen Arbeit, selbst Kampagnen inszenieren zu können (Simon 2005), zu beklagen. Die Wirkungen jeder Art von Kampagne ist prin- zipiell nicht eindeutig zu bestimmen, weil jeweils nicht-intendierte Folgen auftreten; beispielsweise können Kampagnen gegen jugendliche Gewalt- täter auch Mitleid erregen oder zur Suche nach den Bedingungen für solches Handeln in den Lebensumständen motivieren, und Spendenkam- pagnen, die mit dem „Kindchenschema“ arbeiten, können problematische Kinderbilder erzeugen oder verfestigen. Die Wirkungen von Massenme- dien können nicht beliebig gesteuert werden. Die Analyse ihrer Wirkungen bedarf der Integration in einen systematischen Zusammenhang (Schet- sche 2000). Noch weniger als die Darstellung der Sozialen Ar- beit in der Öffentlichkeit ist die Mediennutzung ihrer typischen Nutzer untersucht. In den Medien-Nutzer-Typologien erscheinen die Adressaten der Sozialen Arbeit als diejenigen, die von der „digitalen Spaltung“ der Mediengesell- schaft besonders betroffen sind. Sie konsumieren als sozial und ökonomisch Benachteiligte beson- ders intensiv und passiv das Medienangebot, ins- besondere das Fernsehen. Die Typologie nennt sie die „Häuslichen“ und die „Zurückgezogenen“ (Stang 2008, 585). Insbesondere für Armut kann der Mechanismus eines sich-selbst-verstärkenden Reduktionismus behauptet werden: Armut schämt sich und verfügt nicht über die Ressourcen, um sich für ein öffentliches Auftreten attraktiv dar- zustellen. Im privatisierten Medienkonsum findet insbesondere die Konfrontation mit den Medien- bildern der Armut statt. Diese verstärken die Selbstabwertung und Selbstisolation der Armen und stabilisieren ihre Passivität. Eine vergleichbare Dynamik lässt sich für sozial eher isolierte männliche Jugendliche behaupten im Hinblick auf ihren Konsum medialer Gewalt. Me- diengewalt suggeriert die Möglichkeit, Macht zu haben und Gewalt auszuüben, wodurch die Iso- lation und erfahrene Marginalität fiktional über- wunden werden kann. Nur in dieser sehr spezi- fischen Konstellation scheinen Mediengewalt und Jugendgewalt in einem Zusammenhang zu stehen, der gerne – gerade medial – skandalisiert wird (Sti- ckelmann 1996; Kunczik et al. 1993). Die Öffentlichkeit wird, nachdem die Leuchtkraft einer sehr hohen Erwartung an emanzipatorische Öffentlichkeit verblasst ist, als Feld der Öffentlich- keitsarbeit thematisiert. Sie wird dabei gelegentlich mit neuer Emphase propagiert. Schürmann bei- spielsweise (2004) konzipiert Öffentlichkeitsarbeit als „offensive und nachvollziehbare Informations- politik“, die auf den Erkenntnissen der Unterneh- menskommunikation (früher: Public Relation) aufbaut und dann möglich ist, wenn alle selbstkri- tischen Zweifel der Sozialen Arbeit aufgelöst sind. Strategische Botschaften setzen Ambivalenzfreiheit voraus und versprechen das Fließen neuer Geld- quellen für eine modernisierte Soziale Arbeit (Mar- kert 1995). Andere AutorInnen gehen behutsamer und differenzierter an das Thema Öffentlichkeits- arbeit heran und plädieren für Professionalität (Puhl 2004). Die Ratgeberliteratur hat sich erheb- lich ausgebreitet (GEP 2004) und teilweise arbeits- feldspezifisch ausdifferenziert (Lüttecke 2004).
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