Handbuch 5. Auflage

1142 Grunwald  ziplinäre Wurzeln zwischen Betriebswirtschafts- lehre, Organisationssoziologie und -psychologie Bezug nehmen. Neuere Konzepte der Organisationssoziologie Hintergrund insbesondere für den institutionellen Organisationsbegriff sind die neueren Forschungsper- spektiven der Organisationssoziologie (Grunwald 2008a; Kieser/Walgenbach 2007; Kieser/Ebers 2006). Sie grenzen sich ab von den bisherigen An- sätzen der Organisations- und Managementtheorie, und zwar sowohl von den klassischen Organisations- und Managementansätzen als auch von den moder- neren Konzepten (Steinmann/Schreyögg 2005, 43ff.). Eine zentrale Argumentationslinie der neue- ren organisationssoziologischen Theoriediskussion besteht in der Ausdifferenzierung konzeptioneller Varianten zur Erklärung und Veränderung von „Or- ganisiertheit“ als „Merkmal kollektiven Handelns“ (Türk 1992, 1633). Hier lassen sich zunächst ratio- nalistische und naturalistische Konzeptionen unter- scheiden, die in einem polaren Verhältnis zueinander stehen: „Rationalistische Konzeptionen behaupten eine bewusste, zweckbezogene Planung und Imple- mentation von Organisationsstrukturen; naturalisti- sche Konzeptionen setzen dem die These von der sozialen Evolution jeweiliger Organisiertheit […] entgegen“ (1634; Preisendörfer 2005, 95ff.). Damit nehmen die neueren soziologischen Forschungsper- spektiven unter der Überschrift der „natürlichen Konzeptionen“ ausdrücklich natürliche, emergente Prozesse und Strukturen in den Blick und distanzie- ren sich von dem immer noch häufig vorfindbaren rationalistischen, mechanistischen Steuerungsver- ständnis der traditionellen Organisations- und Ma- nagementansätze (Schreyögg 2008, 339 ff.). Zu er- gänzen sind diese naturalistischen Blickwinkel durch Organisationskonzeptionen, die Organisationen als offene Systeme begreifen; hier sind vor allem die Organisationsökologie und der soziologische Neo- Institutionalismus zu nennen (Preisendörfer 2005, 130ff.; Türk 2004). Einige zentrale „natürliche Kon- zeptionen“, die teilweise erheblich beeinflusst wer- den durch umweltbezogene, offene Ansätze, werden nun etwas näher beschrieben in Form von organisa- tionssoziologischen Konzepten zu den Themen Po- litik in und von Organisationen (1), Organisations- kultur (2), Wandel von Organisationen (3) sowie Organisationsgesellschaft (4) (ausführlich zum Fol- genden Grunwald 2009b, 95 ff.; eine andere Diffe- renzierung schlägt vor Preisendörfer 2005, 19). Die Auseinandersetzung mit dem Thema (Mikro-) Politik in und von Organisatione n hebt hervor, dass sich Entscheidungsprozesse in sozialen Einrichtun- gen und Diensten nicht auf „wertfreie“ oder „ratio- nale“ Begründungen und Argumente zurückziehen können, die das Geschehen in Organisationen unter dem Gesichtspunkt des Verstandes (der Ratio) se- hen. Entscheidungsprozesse müssen vielmehr den politischen Charakter von Entscheidungen reflektie- ren und miteinbeziehen (Küpper/Ortmann 1992; Neuberger 2006; Matys 2006). Im Mittelpunkt ei- ner politikorientierten Perspektive steht weder das Management mit seinen Steuerungsbemühungen noch die Organisation als zweckrational bestimmtes, statisch strukturiertes Gebilde, sondern vielmehr die politisch-soziale „Arena“ (Küpper/Ortmann 1992, 7). In dieser „Arena“ wird nicht von vorgegebenen Normen, Strukturen und Prozessen (Abläufen) in und von Organisationen ausgegangen, sondern ers- tere werden in ihren Entstehungszusammenhängen analysiert. Dabei werden sie als Ergebnisse sozialer Handlungen von Subjekten aufgefasst, als Resultate von interessengeleiteten Aushandlungen mit jeweils nur begrenzt gültigen Kompromissen und Konflikt- lösungen. Organisationsstrukturen sind aus dieser Perspektive keine statischen Gebilde, sondern Be- dingungen, Objekte und Ressourcen von politischen Prozessen, oder anders „Strategien jeweils herrschen- derKoalitionen“(Türk1992,1645).Entscheidungen in Organisationen sind also auch ein Produkt von mehr oder weniger transparenten Machtstrukturen sowie von formellen und informellen Aushandlungs­ prozessen. Dies gilt nicht nur für Entscheidungs- und Aushandlungsprozesse in Organisationen, son- dern genauso auch für Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen sozialen Institutionen. Zu betonen ist dabei, dass Mikropolitik „nicht dem Machiavellismus oder der subversiven Selbstsucht der Akteure geschuldet“ ist, sondern vielmehr „her- vorgerufen [ist] durch die unerfüllbaren Diktate der Ordnung“ und insofern einen „Schatten der Ord- nung“ in und von Organisationen darstellt (Neu- berger 2006, IV). Das zweite wichtige Thema der neueren Organisati- onssoziologie ist das der Organisations- oder Unter- nehmenskultur . Sie lässt sich verstehen als „das im-

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