Handbuch 5. Auflage
1152 Dollinger sondern auch vor dem Hintergrund historischen Wissens notwendig ist, Alternativkonstruktionen zu reflektieren. Die Ausführungen werden dann exemplarisch konkretisiert. Überlegungen zu Pro- blemen des Denkens in Alternativen stehen am Ende. Voraussetzungen Von Alternativen zu sprechen, ist nur auf der Grundlage besonderer Vorbedingungen möglich. Émile Durkheim (1897 / 1983) machte auf die so- zialwissenschaftliche Relevanz der Möglichkeit aufmerksam, Alternativen denken zu können. Exit- Optionen, so stellte er fest, konfrontieren mit einer Entscheidungsmöglichkeit und -notwendigkeit. Soziale und moralische Bindungen werden nicht mehr als per se verpflichtende Orientierungen er- lebt, wenn alternative Handlungsausrichtungen denkbar und potenziell begründungsfähig sind. Soziale Integration kann in der Folge nur über den Weg subjektiver Sinnkonstruktionen und die Zu- stimmung des Einzelnen vollzogen werden. Er tritt als entscheidungsfähiges Individuum auf, das sich in Prozesse sozialer Ordnungsbildung einbringt und dabei Handlungsspielräume in Anspruch nimmt. Dies ist für die Stabilität der Gesellschaft nicht risikolos, denn mit dem Bewusstsein um die Möglichkeit, anders als im tradierten Sinne zu han- deln, treten die objektive Geltung sozialer Normen und ihre subjektive Bindungswirkung mit tenden- ziell offenem Ausgang auseinander und sie müssen wieder aufeinander bezogen werden. „Worauf es ankommt, ist“, wie Durkheim (1897 / 1983, 313, Fn. 23) für diesen gesellschaftlichen Zustand diag- nostizierte, „nämlich nicht das bloße Bestehen der Normen, sondern ihre innere Anerkennung durch das Gewissen.“ Selbst eine übermächtige soziale Ordnung wird an individuelle Sinnstrukturen und Subjektqualitäten gebunden und bleibt von ihnen abhängig. Durkheim versuchte dieses Problem im Dienste der Aufrechterhaltung geregelter Integrationsver- hältnisse zu lösen, und zwar als normative Aufgabe wie auch als Theorieproblem. Er wies dazu auf den Verpflichtungscharakter des Sozialen hin. Während liberale Sozialtheoretiker mit der Autonomie des Einzelnen auf an sich gegebene alternative Hand- lungsoptionen abstell(t)en, um von der individuel- len Entscheidungspraxis ausgehend soziale Bin- dungen einer bürgerlichen Gesellschaft zu erklären (aus historischer Sicht Gall 1997; Langewiesche 1988; Winkler 1979), rück(t)en sozialmoralische Modelle der Gesellschaftstheorie wie dasjenige Durkheims die maßgebliche Bedeutung überindi- vidueller, allgemein verpflichtender Wertbindun- gen in den Vordergrund. Entsprechend unter- schiedlich und weltanschauungsabhängig ist die Bewertung von Alternativen: (Neo-)Liberale Theo- retiker gehen von einer weiten Spannbreite von Handlungsalternativen aus, die im Zuge ihrer Rea- lisierung zu sozialen Ordnungsgefügen und zu kollektiv wirksamen Entscheidungsfolgen aggre- giert werden; politisch realisierte Strukturbedin- gungen erscheinen vorrangig als unerwünschte Be- schränkungen rationaler Wahlhandlungen (zur Diskussion Butterwegge et al. 2008). Demgegen- über ist in der Tradition Durkheims angelegt, Al- ternativen von einem begrenzten ordnungstheo- retischen Bezugsrahmen aus zu konzipieren: Ein solidarmoralischer Konsens wird als Garant gesell- schaftlicher Stabilität und subjektiver Handlungs- ausrichtung vorausgesetzt. Vor allem die zweitgenannte Position geriet in den vergangenen Jahrzehnten unter wachsenden Legi- timationsdruck. Von verschiedenen Seiten aus wird darauf aufmerksam gemacht, dass „Erfahrungen der Differenz und Kontingenz von Sinnsystemen sich gesteigert und radikalisiert haben und offen- bar nicht mehr stillgelegt werden können“ (Reck- witz 2006, 659; grundlegend s. a. Luhmann 2001). Unabhängig von der Frage, in welchem Maße dies gegen kommunitaristische und neokonservative Revitalisierungsversuche empirisch bestätigt wer- den kann, verweisen zeitdiagnostische Referenzen auf die Universalisierung von Kontingenzerfahrun- gen und damit auf die Erosion als alternativlos geltender Moral-, Lebens- und Wissensbereiche. Moralische Integrationsformen können ihnen zu- folge höchstens noch kommunikativ ausgehandelt (Bergmann / Luckmann 1999), aber nicht mehr als gesamtgesellschaftliche Steuerungsgröße voraus- gesetzt werden. Ein wachsendes Bewusstsein um die stets auch anders mögliche Organisation sozia- len und subjektiven Lebens habe, so Reckwitz (2006, 45), den Boden für einen „cultural turn“ der Sozialwissenschaften bereitet, in dessen Folge von essentialistischen Sozialtheorien zunehmend Abstand genommen werde. In diesem kulturellen
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