Handbuch 5. Auflage
Pädagogische Alternativen 1153 und wissenschaftlichen Kontext wird es plausibel, von Kontingenz als basaler Existenzvoraussetzung auszugehen, wie dies insbesondere in der neueren konstruktivistischen Systemtheorie (Luhmann 1997), in postmodernen Theorien (Lyotard 1986; Welsch 1988) und in poststrukturalistischen Ent- würfen (Derrida 1983; Foucault 1991) verfolgt wird. Die Wahrnehmung von grundlegenden Al- ternativen des Handelns, Wissens und Erkennens wird zu einem überzeugenden Theorieaxiom. Kon- tingenz wird nicht mehr als Bedrohung der Mög- lichkeit sozialer Integration, sondern als unhinter- gehbare Voraussetzung sozialer und subjektiver Erfahrung und ihrer Theoretisierung verstanden. Von ihr ausgehend wird nach der Möglichkeit der Vermittlung von Partikularität und Universalität und der in ihr prozessierten Herausbildung hege- monialer Denkweisen gefragt (Butler et al. 2000; Laclau 2007). Die Rede von „pädagogischen Alternativen“ bedarf diesbezüglich einer Spezifizierung. In ihrem Fall wird Kontingenz zugelassen, aber auch relativiert: „Pädagogische Alternativen“ setzen voraus, dass anderes Handeln möglich ist, und sie konstituieren damit einen sinnhaften Orientierungsrahmen, in dem dieses Handeln situiert ist. Sie reproduzieren einerseits ein Bewusstsein um die Unabgeschlos- senheit sozialer Verhältnisse und Prozesse, da sie nachzuweisen suchen, dass aktuelle Arrangements veränderungs- und verbesserungsfähig sind. Die Gegenwart soll unter Rekurs auf Wahlentschei- dungen in einen positiveren zukünftigen Zustand transformiert werden. Zunächst erscheint dies wie das Zugeständnis grundlegender Kontingenz. Bei genauerer Betrachtung müssen Alternativen als pädagogische allerdings, andererseits, anerkennungs- fähig sein, d. h., sie müssen an gemeinsam geteilte Standards sozialen Lebens appellieren und diese re- produzieren. Die Alternativen stehen unter dem Zwang, sich auszuweisen, und hierzu verwenden sie normative Legitimationsmuster. Sie nehmen Bezug auf Werte und Moralvorstellungen, um z. B. einzuklagen, es sei besser, pädagogisch und nicht ordnungsstaatlich gegen soziale Probleme vorzuge- hen. Dies kann argumentativ nur eingebracht wer- den, wenn Kontingenz unter Verweis auf ethische Standards sozialen Lebens beschränkt wird: Es darf nicht legitim erscheinen, gegen soziale Probleme nicht-pädagogisch zu intervenieren, sondern ein Problemgehalt soll normativ anerkannt und mit pädagogischen Bearbeitungsmöglichkeiten assozi- iert werden. Pädagogische Alternativen stehen demnach in einer mittleren Stellung zwischen den oben idealtypisch differenzierten Ordnungsent- würfen: Sie lassen Kontingenz zu und beschränken sie gleichzeitig auf Prämissen konsensueller Orien- tierungen, auf die sie angewiesen sind. Alternativen verweisen folglich auf „Funktionen“, und diese „müssen gesellschaftlich akzeptiert, verfassungs- mäßig und ethisch vertretbar sein, und wir brau- chen Belege, zumindest plausible Argumente, dass diese Funktionen auch mit den Alternativen zu er- füllen sind“ (Cornel 2008, 55). Wer Alternativen fordert, bleibt demnach auf Prä- missen der Erfüllung sozialer Erfordernisse bezogen und führt in sie Reformmotive ein. Auf der Grund- lage dieses Spiels mit Kontingenz und ihrer strate- gischen Unterdrückung ergeben sich fünf Charak- teristika (sozial-)pädagogischer Alternativen: Zeitliche Rahmung: ■ ■ Es macht nur Sinn, von Al- ternativen zu sprechen, wenn sie prinzipiell reali- sierungsfähig erscheinen und eine Verbesserung nach sich ziehen. Zukunft wird teleologisch als Op- tion verbesserungsfähiger Gegenwart eingebracht, so dass eine optimistische Projektion auftritt: Man kann handeln und soll es tun, um positive Entwick- lungen in Gang zu setzen oder zu fördern. Wertungsabhängigkeit: ■ ■ Eine bessere Zukunft ist nur möglich vor dem Hintergrund einer negativ bewerteten Vergangenheit und eines durch sie be- gründeten Entscheidungszwangs in der Gegen- wart. Es muss entschieden und gehandelt werden, da die Zukunft riskiert ist und droht, genauso ne- gativ oder noch negativer zu werden, als es der Vergangenheit zugeschrieben wird. Angesichts derartiger Bewertungen sind Alternativdiskurse häufig emphatisch angelegt und mit normativer Überschussqualität ausgestattet, sie verweisen auf das Geschäft von „Moralunternehmern“ (Becker 1981). Verweisungszusammenhang: ■ ■ Um sich zu be- gründen, weisen Alternativen über sich hinaus. Sie sind in komplexe Strukturen eingebunden, aus de- nen sie ihren Sinn beziehen. Alternativen werden erst durch Differenz möglich, während sie als bloße Signifikate bedeutungslos bleiben. In einem Netz an Signifikanten, d.h. an Sinn zuweisenden Zu- sammenhängen, positionieren sie sich gegen an- dere Verfahrensweisen, übernehmen aber – auch
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