Handbuch 5. Auflage

1164 Niemeyer  (jener Nohls) Erziehung erlaubt, ebenso wie die Qualifizierung der Letzteren mittels des Hinwei- ses, dass es bei der Arbeit in der Logik des Pädago- gischen Bezugs um die Schwierigkeiten gehen müsse, „die das Kind hat .“ Des Weiteren könnte Nohl mit seiner „Kultformel“ angespielt haben auf Johann Friedrich Herbarts (1776–1841) Satz: „Hier müssen zuerst die Fehler, welche der Zögling macht, von denen unterschie- den werden, die er hat“ (1835 / 1841 / 1887, 129). Auch hier handelt es sich um eine durchaus pro- minente Formulierung, die sich im Kapitel „Von einzelnen Fehlern“ findet, das folgenreich wurde insbesondere in der vom Herbartianer Ludwig Strümpell 1890 vorgelegten „Lehre von den Feh- lern der Kinder“ (Schönberger 2008, 101 ff.), aber auch in der berühmten Reinschen Encyklopädie, hier in dem einschlägigen Stichwortartikel (Siegert 1897) sowie in den weiteren (insgesamt über acht- zig) Artikeln des nämlichen Verfassers, eines (her- bartianischen) Lehrers aus Leipzig. Als weiterer Autor dieser Enzyklopädie – u. a. mit Beiträgen zu „Kinderfehlern“ wie „Frechheit, Genußsucht und Lüge“ – ist der Lehrer Johannes Trüper (1855– 1921) zu nennen, der entscheidende Impulse für die Theorie und Praxis der sog. Pädagogischen Pa- thologie gab (Göppel 1989, 141 ff.). Noch in der 1910 veröffentlichten vierten Auflage des dieses Forschungsgebiet begründenden Standardwerks von Ludwig von Strümpell (1812–1899) ruht der Fokus auf „Kinderfehlern“, auch solchen „aus ei- nem unedlen Beweggrund“ (Strümpell / Spitzner 1910, 169), die – so konnte man 1913 in einem katholischen Lexikon nachlesen – dem Erzieher dazu Anlass gäben, „diese willensschwachen Kinder zur Disziplinierung ihres krankhaften Wesens an- zuregen“ (Weigl 1913, 1247). Dies war ein durchaus fragwürdiger „Forschungs- stand“, wenn man bedenkt, dass der Philantrop Christian Gotthilf Salzmann (1744–1811) als sehr viel zentraleres Desiderat eher das Gegenteil, also die Lehre von den „Erzieherfehlern“ ausgelobt hatte, etwa indem er, als eine Art (Selbst-)Auftrag für die pädagogische Arbeit in der von ihm gegrün- deten Erziehungsanstalt in Schnepfenthal, den Satz aufstellte: „Von allen Fehlern und Untugenden seiner Zöglinge muß der Erzieher den Grund in sich suchen“ (Salzmann 1806 / 1887, 41). Bezieht man dies mit ein, ebenso wie die als Fortführung dieses Grundansatzes lesbar zu machenden Über- legungen des Psychoanalytikers Oskar Pfister (1928 / 1929) – unter der Rubrik „Elternfehler“ (Niemeyer 2008, 8 f.) – scheint Nohls „Kultformel“ also ganz offenkundig dieser dann in der psycho- analytischen Bewegung der 1920er fortgeführten Richtung zurechenbar und gegen jene von Herbart eröffnete Linie Strümpells gerichtet gewesen zu sein. Davon bleibt unberührt, dass zumal der frühe Her- bart durchaus der Vorgeschichte des Pädagogischen Bezugs zugerechnet werden darf (Hertz 1932, 18 ff.; Schwenk 1989, 1567). Auch darf (Stichwort Salzmann) nicht irritieren, dass man, in dieser Lo- gik gedacht, auch einen letztlich noch ins 18. Jahr- hundert (der Aufklärung) verweisenden Pädagogen als Vorläufer der Theorie des Pädagogischen Be- zuges geltend zu machen hätte, zumal Nohl nur für den Begriff selbst Urheberrecht beansprucht hat, nicht aber für die Sache: sie (so trug er 1933 nach) wurzele „in den natürlichen Lebensbezügen der Menschen“, im „Vater- und Muttersein, Schwes- ter-, Bruder-, Tante- und Onkelsein, aber auch noch in dem Großvatersein und nicht zuletzt in der Erotik“, ziele „auf ein jeweils verschiedenes Al- ter, die Mutter auf das Kleinkind, der Vater auf den 12 jährigen, die Erotik auf das Jugendalter“ – und erlaube letztlich eine Typologie der „große[n] Pä- dagogen“, also etwa die Benennung Salzmanns „für den männlich-väterlichen Typus“ oder die Pestalozzis „für den mütterlichen“ (Nohl 1949b, 134). Die hinter dieser Überlegung verborgene Denkfigur einer gleichsam biologisch begründeten pädagogischen Eignung von Frauen speziell für Frühpädagogik ist in mehrfacher Hinsicht ideo- logieverdächtig (Rendtorff 2000). Dessen un- geachtet war es tatsächlich vor allem Johann Hein- rich Pestalozzi (1746–1827) – nicht umsonst ein Zeitgenosse Salzmanns –, bei dem Nohl die Idee des Pädagogischen Bezuges zur Anerkennung ge- bracht fand und dem er nachrühmte, „der erste in der Geschichte der Pädagogik“ (Nohl 1927b, 78) gewesen zu sein, der diese Grundlage nicht nur der sozialpädagogischen, sondern „jeder pädagogi- schen Arbeit“ (Nohl 1927b, 73) anerkannt habe (auch Thöny-Schwyn 1996). Ob des Attributs „der erste“ könnte man hier zwar noch auf Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) hinweisen (Kron 1971, 67 ff.), auch auf den Philantropen Ernst Christian Trapp (1745–1818) und sein – gleichsam als Vor- wegnahme von Salzmanns „Erzieherfehler“ zu

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