Handbuch 5. Auflage
1186 Gröning · Lietzau strukturwandels in den Heimen der Anteil an Fachkräften wieder aufgebaut wurde, gilt in der BRD ein Pflegenotstand. Der große Kostendruck in der stationären Pflege führt unter den jetzigen Wettbewerbsbedingungen zu einer deutlichen Rationalisierung der betrieblichen Strukturen. Küchen, Wäschereien, Reinigungsdienste sind heute zumeist ausgelagert, was wiederum eine enge und genau abgestimmte Ablaufplanung nach sich zieht. Der Zeitstress und der Druck der be- trieblichen Abläufe dominieren heute das Pfle- geheim. Das Prinzip des Wettbewerbs war von der Mehr- heit der Heimträger zunächst begrüßt worden (KDA / DZA 1994), führte aber nach den ersten Erfahrungen zu einer deutlichen Ernüchterung. Das Bundesgesundheitsministerium stellte 2000 in einem Eckpunktepapier zum Pflegequalitäts- sicherungsgesetz (PQsG) fest, dass Mängel in der Pflege gerade in stationären Einrichtungen ein Eingreifen des Gesetzgebers unumgänglich ma- chen. Dabei ging es um ein Vorantreiben des Qualitätsprozesses in den Pflegeheimen, vor allem hinsichtlich der Standardisierung der einzelnen Pflegeleistungen und ihrer Überprüfung durch den MDK im Rahmen von Begutachtungen. Gleichzeitig war der Gesetzgeber überzeugt, dass man die Qualität der Heime nicht mit Gewalt „in die Heime hineinprüfen kann“. Der vermehrte Dokumentationsaufwand, die umfangreiche Pfle- geplanung schienen trotz regelmäßiger Prüfung durch den MDK nicht geeignet zu sein, Pflege- qualität zu gewährleisten. Der Staat begann, sich aus der Verantwortung zu ziehen und die Auf- gaben von Kontrolle und Qualitätsprozess zu de- legieren. Das Ziel des PQsG war, die Pflegeselbst- verwaltung zu stärken. Die Sicherung und Weiterentwicklung der Pflegequalität, eine ver- besserte Kooperation von Heimaufsicht mit der Pflegeselbstverwaltung und die Stärkung der Ver- braucherrechte sollten durch die Qualitätsmana- gementprozesse in den Einrichtungen selbst und in Form von unabhängigen Zertifizierungen be- fördert werden. Seit 2000 sind Zertifizierungs- prozesse in Pflegeheimen zumeist nach DIN-ISO- Norm die Regel. Seit Juli 2008 gelten neue Qualitätsvereinbarungen, wonach die Prüfungen geändert wurden, unangemeldet erfolgen müssen und die Ergebnisse der Prüfungen veröffentlicht werden (§ 115 Abs. 1a SGB XI). Gleichwohl bleibt der Konflikt bestehen. Sind die Qualitäts- probleme der Heime, wie Dehydrierung der Be- wohner, Unterernährung und die daraus resultie- renden Probleme Ausdruck schlecht angepasster Organisationsstrukturen und lassen diese sich durch mehr Qualität beheben? Oder ist, wie die Mitarbeiter in Heimen (Henke / Piechotta 2004) klagen, eine Synchronisierung der Zeitstrukturen zwischen den Zeitvorgaben der Organisation und dem Zeitbewusstsein der Bewohner nicht mehr zu leisten (Gröning 2008). Fehlende Zeit und ein gewisser Zeitantagonismus in der Pflege prägen heute das moderne Pflegeheim und seine Quali- tätsprobleme. Die häusliche Pflege Im Zusammenhang mit empirischen Arbeiten zur Zukunft der Pflege in der Familie stehen der Mo- dernisierungsdiskurs und die Annahme über ein „Verschwinden der Solidarität“ (Beck 1993) an erster Stelle. Angenommen wird, dass familiale Pflegepotenziale aus „Modernisierungsgründen erodieren“. Die traditionellen Familienstrukturen lösten sich auf, damit gingen familiale Unterstüt- zungsoptionen verloren und vor allem die Frauen würden in ihrer Bereitschaft nachlassen, in die Helferrolle zu wechseln (BMFSFJ 2002, 194). Eine zweite wichtige Debatte, die das Bild von der häuslichen Pflege prägt, ist die Stress- und Belastungsdebatte. Diese hat im Rahmen der häuslichen Pflege eine besondere Bedeutung (Ur- laub 1988; Seubert 1993; Schneekloth et al. 1996; Fischer 1995). Für die hohe Bedeutung der Stress- und Belastungsforschung sind zwei Faktoren ver- antwortlich: erstens das Bild, das von den pfle- genden Familien gesellschaftlich entstanden ist und welches vor allem auf Bedenken der Profes- sionellen und ihrer Verbände gegen den Vorrang der häuslichen Pflege eingebracht worden ist. Dabei ging es auch um den Markt für die ambu- lanten Dienste, um deren Pflegeverständnis, Leit- bild und Strategie. Zweitens stellt die Stress- und Belastungsforschung innerhalb der psychologi- schen Forschungen einen eigenen Ansatz dar. Ähnlich wie bei der Bedeutung des Modernisie- rungsdiskurses ist eine gewisse Deduktion als Pro- blem zu nennen, denn die Stress- und Belastungs- forschung lässt das Anerkennungsproblem der
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