Handbuch 5. Auflage
Ästhetische Bildung 119 Neuen Medien. Zu den künstlerischen Zielen ge- hört zudem die Förderung von musischen und künstlerischen Fähigkeiten, von Kreativität, Gestal- tungs- und Ausdrucksfähigkeit (Marquardt/Krieger 2007, 50; Jäger/Kuckhermann 2004, 41) wie der Lust am eigenen Tun. Auch die Ziele, das Gestalten erfahrbar zu machen und einen Raum zu schaffen, Schönes zu erleben, können hierzu gezählt werden (Marquardt/Krieger 2007, 50). Individualpädagogische und therapeutische Ziele Auf das Individuum bezogen können die angestreb- ten bildenden Wirkungen v.a. als entwicklungs- bezogene, emanzipatorische, kompensatorische oder heilend-therapeutische Wirkungen beschrieben werden. Ästhetische Praxis kann ermöglichen, neue Sichtweisen, eine differenzierte Wahrnehmungs-, Interpretations- und Kritikfähigkeit zu entwickeln, zur Förderung des Selbstbewusstseins und der Per- sönlichkeit beizutragen und zu kreativer Problemlö- sefähigkeit und divergentem Denken anzuregen (Marquardt/Krieger 2007, 50; Jäger /Kuckhermann 2004, 41). In diesem Zusammenhang ist auch die Analogie zwischen künstlerischer Gestaltung und Lebensgestaltung/Lebenskunst zu sehen (z.B. Bun- desmodellprojekt „Lebenskunst lernen“ [2007– 2010]; vgl. Bundesvereinigung kulturelle Jugend- bildung 2009). Gerade in der Annahme, dass künstlerische Pro- duktion und Rezeption eine Distanz zu den Routi- nen und einengenden Vorgaben des Alltags ermögli- chen und einen Reflexionsraum des Subjekts eröffnen, wird ihr potenziell emanzipatorischer Cha- rakter begründet. Ihre kompensatorischen Möglich- keiten stehen dann im Vordergrund, wenn sozialisa- torische Defizite ausgeglichen oder psychische Schwierigkeiten in heilender Absicht im Rahmen von künstlerischen Therapien bearbeitet werden sollen. Leiborientierte, sinnenbezogene Ziele Im Vordergrund steht hier die Grundannahme, dass künstlerische Produktion und Rezeption in besonderer Weise zur Schulung und Sensibilisie- rung der Sinneswahrnehmung und des leiblich- sinnlichen Empfindens ( Aisthesis ) beitragen kön- nen. Eine in diesem Sinne als ganzheitlich betrachtete Bildung soll einseitigem, vernunftbezo- genen Lernen, verdinglichtem Bewusstsein und der Instrumentalisierung des Körpers etwas entgegen- setzen (Marquardt /Krieger 2007, 50). Soziale und kommunikative Ziele Darunter werden nicht nur die Aufnahme und Be- arbeitung sozialer Tatsachen in den Kunstproduk- ten bzw. der soziale Charakter von Kunst selbst verstanden sowie die Grundannahme, dass Kunst- produktion letztlich auf ein Gegenüber zielt, son- dern auch der rezeptive Austausch über Ästhetisch- Künstlerisches und v. a. die Möglichkeiten des gemeinsamen Tuns bei der Produktion. Da ästheti- sche Praxis in besonderer Weise eine Auseinander- setzung mit dem Fremden beinhaltet und mit Differenzerfahrung verbunden sein kann, soll sie ein Lernen der Differenz – im Besonderen inter- kulturelles Lernen – anregen (Marquardt /Krieger 2007, 50) und zur radikalen Pluralität erziehen. Politisch-partizipatorische Ziele Vor allem in den frühen 1970er Jahren wurde zum einen gefordert, dass der Hochkulturbetrieb bür- gernäher werden sollte, zum anderen sollten alle die Möglichkeit zu kultureller Eigentätigkeit und Mitgestaltung erhalten. Mit der kulturpolitischen Leitformel einer Kultur von allen für alle sollte die Bedeutung von Kunst und Ästhetik ernst genom- men werden (Demokratisierung von Kunst und Kultur). Dieser Anspruch wurde in unterschiedli- chen Handlungsfeldern von (Sozio-)Kulturarbeit und kultureller (Jugend-)Bildung umgesetzt. Heute wird er nicht zuletzt aufgrund der Einsicht, dass Kunst nur sehr indirekt zur gesellschaftlichen Ver- änderung beitragen kann, nicht mehr in gleicher Weise programmatisch formuliert. Dennoch ist der in vielen Projekten formulierte Zielgruppen- bezug hier und nicht in einer eigenen Jugend-, Al- ten- oder Behindertenästhetik begründet. Nach wie vor geht es zudem um die Aneignung öffent- licher Räume (Marquardt /Krieger 2007, 73). Pro- blematisch aber werden solche politischen Ziele nicht nur dann, wenn – wie oben dargestellt –
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