Handbuch 5. Auflage
Planung und Planungstheorie 1195 sammenhänge über Handlungserfordernisse, Ziele und Maßnahmen können zumindest grob über wissenschaftliche Verfahren ermittelt werden. Un- ter dieses Planungs-Paradigma fallen z. B. der so- genannte bedarfsorientierte Ansatz (Beneke et al. 1975), der versucht, planerischen Bedarf quasi ob- jektiv messbar zu machen, der sozialökologische An- satz von Bourgett et al. (1977), der stark auf sozia- len Indikatoren zur Charakterisierung von Lebensverhältnissen basiert, sowie die Konzepte Outputorientierter Steuerung der Jugendhilfe der Kommunalen Gemeinschaftsstelle (z. B. KGSt 1994, 1996 und 1998). Kommunikativ-partizipative Planungskonzepte gehen dagegen von einer Vielzahl nicht objekti- vierbarer, im Grunde politischer Auswahl-, Inter- pretations- und Entscheidungsprozesse in Pla- nungsvorgängen aus, die sich nur kommunikativ, unter Beteiligung der Entscheidungsbetroffenen, sinnvoll gestalten lassen. Wissenschaftliche Daten und Erhebungsinstrumente haben hier nur einen begrenzten Stellenwert und dienen primär zur Qualifizierung der örtlichen Diskussions- und Ent- scheidungsprozesse. Unter dieses Planungs-Para- digma fallen z. B. der Ansatz von Scharpf (1973), der Planung als primär politischen Prozess begreift, der bedürfnisorientierte Ansatz von Ortmann (z. B. 1983) sowie die Konzepte kommunikativer Pla- nung von Jordan / Schone (1992 und 1998), Mer- chel (1992; 1994), Gläss /Herrmann (1994), Bo- lay /Herrmann (1995), Herrmann (1998), Kilb (2000) bzw. Ansätze, die Geschlechterthemen so- wie die gesellschaftliche Geschlechterhierarchie und ihre Auswirkungen in der Jugendhilfe in den Mittelpunkt des Interesses stellen (z. B. Bit- zan / Funk 1995; SPI 1999). Planungsansätze und Verfahren In der Praxis sind vor allem die folgenden Pla- nungsansätze zur Strukturierung des Vorgehens verbreitet: Bereichsorientierter Ansatz: ■ ■ Ausgangspunkt sind hier die verschiedenen Arbeitsfelder der Ju- gendhilfe (Kindertagesbetreuung, Jugendarbeit, verschiedene Formen der Beratung, Hilfen zur Er- ziehung etc.), die einzeln oder in Kombination un- tersucht werden. In der Regel erfolgt hier zuerst eine Bestandsaufnahme der Angebote und Einrich- tungen sowie eine Bewertung des Bestandes im Hinblick auf rechtliche und fachliche Anforderun- gen bzw. die Bedürfnisse der Zielgruppen. Auf die- ser Basis werden dann Vorschläge zur quantitati- ven bzw. qualitativen Umgestaltung der Angebote und Einrichtungen vor Ort entwickelt. Planung geht hier additiv nach einer Art Baukastenprinzip vor, in dem nach und nach die verschiedenen Ar- beitsfelder abgearbeitet werden. In der Praxis ist dieses Vorgehen am weitesten verbreitet. Die Un- tersuchung des DJI zeigt, dass nur 9% der Jugend- ämter über eine Gesamtplanung verfügen, die meisten arbeiten bereichsorientiert mit Schwer- punkten bei Kindertagesstätten (91%), Jugend- arbeit (79%), Hilfen zur Erziehung (72%) und Be- ratungsstellen (52%) (Pluto et al. 2007, 343). Sozialraumorientierter Ansatz: ■ ■ Ausgangspunkt sind hier abgrenzbare räumliche Gebiete (Stadt- teile, Wohngebiete etc.), die einer sozialräumlichen Analyse im Hinblick auf soziale Merkmale und Be- dürfnisse der BewohnerInnen, Wohn- und Lebens- qualität, Belastungsfaktoren, Hilfebedarfe, Nutzung sozialstaatlicher Leistungen, Ressourcen etc. unter- zogen werden. Auf dieser Basis sollen dann Hilfe- und Unterstützungsangebote möglichst passgenau auf die Lebenssituation der BewohnerInnen zu- geschnitten und auch bereichsübergreifend abge- stimmt werden. Genutzt werden Planungen dieses Typs auch, um die Problembelastung verschiedener Sozialräume vergleichbar zu machen und so Krite- rien für eine angemessene Verteilung von Jugend- hilferessourcen zu gewinnen. In vielen größeren Städten ist außerdem ein Trend zur Verbindung von Jugendhilfeplanung mit übergreifenden Fragestel- lungen der sozialen Stadtentwicklung zu beobach- ten, wie sie im Zusammenhang mit der Lokalen Agenda 21 oder der Bund-Länder-Gemeinschafts- initiative „Soziale Stadt“ thematisiert werden. Im Programm „Soziale Stadt“ geht es um die Entwick- lung interdisziplinärer Handlungskonzepte zwi- schen Sozialer Arbeit, Sozialplanung, Ökonomie und Architektur für Stadtteile, die z.B. aufgrund von Segregationsprozessen ins soziale Abseits zu rut- schen drohen (z.B. www.sozialestadt.de) . Jugend- hilfeplanung ist in solch komplexen Programmen nicht nur mit ihren Methodenkenntnissen zu Par- tizipation, Aushandlungsprozessen oder sozialwis- senschaftlichen Erhebungen gefragt, sondern muss auch ihren „Einmischungsauftrag“ im Sinne der
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