Handbuch 5. Auflage

1204 Rieger  Traditionell unterscheidet die Politikwissenschaft mit Jürgen Habermas (1969) und Klaus Lompe (1966 / 1972) drei Modelle zum Verhältnis von Politik und externen Beratern (Wissenschaft, Pra- xis): das technokratische (1), das dezisionistische (2) und das pragmatische Modell (3). Alle drei Modelle gehen von der grundlegenden Annahme eines Vermittlungs- bzw. Übersetzungsproblems zwischen „den ,zwei Welten‘ der Handlungssys- teme“ (Lompe 2006, 26) Politik und Wissenschaft aus. Beide funktionieren nach je eigenen Logiken, was zu Kommunikationsproblemen und gegensei- tigem Missverstehen führt. Während das Wissen- schaftssystem (entscheidungsentlastet) der Wahr- heitssuche verpflichtet und auf Erkenntnisgewinn gerichtet ist, prägen die Politik Macht, Interessen- konflikte und Entscheidungsnotwendigkeiten: (1) Im technokratischen Modell wird das Vermitt- lungsproblem zugunsten eines Vorrangs des wis- senschaftlichen bzw. fachlichen Sachverstands aufgelöst. Die Politik soll sich bei diesem Entschei- dungsmodell an den Vorgaben der externen (wis- senschaftlichen) Berater orientieren. Unterstellt wird eine durch Wissenschaft erkennbare Sachge- setzlichkeit, der sich Politik vernünftigerweise we- der entziehen sollte noch kann. (2) Dagegen geht das dezisionistische Modell davon aus, dass bei allen politischen Entscheidungen letzten Endes die politische Logik des Machter- halts und Interessenausgleichs dominiert. Die Wis- senschaft gilt in diesem Modell als Lieferant wert- freier Erkenntnis. Der Politik allein steht das Recht der Wertung zu. Dies gilt unabhängig davon, ob die Beratungsleistung als rationale Informations- quelle genützt und zur Verbesserung des Politiker- gebnisses eingesetzt wird oder ob Politikberatung überwiegend instrumentalisiert wird. Letzteres ge- schieht, wenn in Auftrag gegebene Beratungsleis- tungen wesentlich dazu dienen, bereits getroffene Entscheidungen zu legitimieren oder um durch ei- nen Beratungsauftrag Zeit zu gewinnen und eine Entscheidung auf die lange Bank zu schieben. (3) Schließlich begreift das pragmatische Modell Poli- tikberatung als kommunikativen Prozess, in dessen Verlauf Politik, Wissenschaft und Praxis einen wechselseitigen Lernprozess durchlaufen. Wäh- rend die Politik Einblick in Umfang wie Begrenzt- heit wissenschaftlicher wie fachlicher Erkenntnisse erhält, müssen Wissenschaftler wie Praktiker in der Logik der Politik das Vorhandensein vielfältiger di- vergierender Interessen und die damit verbunde- nen Problematiken der Durchsetzbarkeit von Politi- ken erkennen. Die beiden erstgenannten Entscheidungsmodelle scheinen angesichts der Komplexität gegenwärtiger Verhältnisse wenig angemessen. Weder hat die Po- litik die Souveränität, um wissenschaftlichen und fachlichen Sachverstand gänzlich zu unterdrücken bzw. zu instrumentalisieren, noch kann irgendeine Wissenschaft für sich in Anspruch nehmen, letzte unbezweifelbare Gewissheit bieten zu können, die dann von der Politik nur durchgesetzt werden müsste. „Die Auffassung, dass die Wissenschaft Wissen produzieren könnte, das im politischen System nur anzuwenden wäre, ja angewendet wer- den muß, wenn man rational handeln will, wird kaum noch vertreten“ (Luhmann 2002, 393). Poli- tikberatung wird vielmehr als gegenseitige Beein- flussung oder „wechselseitige Irritation“ (394) ver- standen. Politik erwartet von Politikberatung heute deshalb zunehmend, dass neben der fachwissen- schaftlichen Expertise auch Fragen der Durchsetz- barkeit und Umsetzbarkeit von Politiken berück- sichtigt werden. Sie muss über die Fachkompetenz hinaus über fundierte Kenntnisse zu politischen Prozessen verfügen und sollte Reaktionen der Öf- fentlichkeit angemessen berücksichtigen (public affairs management) . Der sozialarbeitspolitische Bedarf Mit der steigenden Komplexität gesellschaftlicher Verhältnisse (Individualisierung, Pluralisierung, Wertewandel etc.), der wachsenden Tiefe sozial- staatlicher Regelungen und Interventionen (Ver- rechtlichung, Verwissenschaftlichung, Professio- nalisierung etc.) sowie der zunehmenden Unübersichtlichkeit sozialstaatlicher Leistungs- und Trägerstrukturen wächst aufseiten der politi- schen Entscheidungsträger und Institutionen der Beratungsbedarf. Es gilt, wissenschaftliches Wissen heranzuziehen und auf Praxiserfahrungen zu hö- ren, um ebenso angemessene wie effiziente und ef- fektive sozialstaatliche Leistungen zu gestalten, durchzusetzen und unerwünschte Nebeneffekte ( unintended side effects ) zu vermeiden. Umgekehrt ist für die Soziale Arbeit (ihre Einrichtungen und

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