Handbuch 5. Auflage
Politikberatung 1205 Verbände ebenso wie für die auf sie verwiesenen Klienten) der mithilfe von Politikberatung aus- geübte gestalterische Einfluss auf Politik von exis- tenzieller Bedeutung, weil die Soziale Arbeit in ih- ren Ressourcen und Handlungsspielräumen wesentlich von politischen Entscheidungen abhän- gig ist. Sie hat ein vitales Interesse an der Fachlich- keit wie Praxistauglichkeit politischer Entschei- dungen. Politikberatung mit Blick auf die Soziale Arbeit insgesamt zu fassen, ist allerdings ein äußerst schwieriges Unterfangen, weil es ein einheitliches Politikfeld mit klar abgrenzbaren politischen Pro- blemlagen und Inhalten (policy) , einer mit Blick auf Institutionen und paradigmatische Grund- annahmen einheitlichen Form (polity) sowie für den ganzen Bereich zuständige Akteure und identi- fizierbare politische Prozesse (politics) nicht gibt. Eher muss man den angesprochenen Bereich als ein loses, durch eine gemeinsame Problemdefini- tion abgestecktes „Metapolitikfeld“ begreifen: „So- cial welfare policy concerns those interrelated, but not necessarily logically consistent, principles, gui- delines, and procedures designed to deal with the problem of dependency in our society“ (Popple / Leighninger 2010, 27). Erkennbar und abgrenzbar sind auf dem Feld der Sozialarbeits- politik spezifische (Teil-)Politikfelder – Altenhilfe- politik, Armutspolitik, Behindertenpolitik, Dro- genpolitik, Fremdplatzierungspolitik (Knuth 2008), Jugendhilfepolitik, Wohnsitzlosenpolitik etc. – mit je spezifischem Regelungsbedarf und in- stitutioneller Formung sowie Verflechtung der po- litischen Ebenen und eigenen Akteuren und Netz- werken. Daraus wiederum ergeben sich spezifische Beratungserfordernisse und je eigene Beratungs- strukturen und Beratungsprozesse. Politikberatung als Methode Politikberatung ist methodisches politisches Han- deln. Sie erfolgt typischerweise in mehreren auf- einander abgestimmten Schritten, nämlich (1) der Initialphase, in welcher der Kontakt angebahnt und der Beratungsbedarf festgelegt wird, (2) der Planungsphase, in der Ziele und Methoden geklärt sowie der finanzielle Rahmen abgesteckt werden, (3) der Analysephase, in der Daten erhoben und ausgewertet werden sowie (4) der Präsentation der Ergebnisse und Empfehlungen. Die Umsetzung der Beratungsergebnisse gehört in der Regel nicht mehr zur wissenschaftlichen Politikberatung. Hier nimmt Politikberatung stärker die Form der Orga- nisations-, Implementations- bzw. Prozessberatung an ( political und public management consulting ). In jedem Fall sollte Politikberatung die entsprechen- den Implementationsprozesse aber für das eigene Lernen mit Blick auf den Beratungserfolg beobach- ten. Generell gilt, Politikberatung muss (1) wissen- schaftlichen Standards genügen, (2) in der Präsen- tation klar, verständlich und knapp sein und schließlich (3) die spezifische Logik politischen Handelns berücksichtigen. Formen, Adressaten und Orte der Politikberatung sind vielfältig. Sie erfolgt mündlich in Ad-hoc- Kontakten, Beratungsgesprächen und Präsentatio- nen, bedient sich aber auch schriftlicher Stellung- nahmen oder Gutachten. Sie klärt punktuelle Fragestellungen und findet in komplexen Planungs- und Forschungsprozessen statt (z. B. Jugendhilfe- planung; Sozialberichterstattung: Nationaler Ar- muts- und Reichtumsbericht, Familienberichte, Kinder- und Jugendbericht etc.). Politikberatung kann durch die politischen Entscheidungsträger beauftragt oder im Sinne einer Strategie aktiver Einmischung von den Akteuren Sozialer Arbeit (Experten, Einrichtungen, Verbände, Stiftungen, Selbsthilfevereinigungen etc.) selbst initiiert sein. Sie läuft über informelle wie formelle Kontakte zu den Entscheidungsträgern (Gemeinderäte, Abge- ordnete, Regierungsmitglieder etc.) und jenen, die Entscheidungen vorbereiten (Sachbearbeiter, Ab- teilungsleiter in den Verwaltungen, Referenten in den Ministerien etc.). Politikberatung richtet sich sowohl an einzelne Politiker als auch an Institutio- nen und deren Gremien. Dabei sind Experten- anhörungen (z. B. Ausschuss-Hearings im Bundes- tag) und die institutionalisierte Mitwirkung der Experten (mit Sitz und Stimme) in entsprechenden Gremien mögliche Varianten (Jugendhilfeaus- schuss, Beiräte, Hartz-, Rürup-, Süßmuth-Kom- mission, Sachverständigenräte, Bundesjugendkura- torium, Enquete-Kommissionen (Demografischer Wandel, Bürgerschaftliches Engagement etc.)). Schließlich ist auf Tagungen, Konferenzen und andere Formen organisierter Dialoge – insbeson- dere auf kommunaler Ebene (Zukunftswerkstätten, Bürgergutachten, Planungszellen etc.) – zu verwei- sen (Dienel 2005). Hier verlässt Politikberatung
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