Handbuch 5. Auflage

1212 Claußen  oder (durch Fixierung auf die Teilnahme an Wah- len und bürgergesellschaftliche Entlastung des Staates) beschränkt wird. Die Abfolge von unter- schiedlichen Maßgaben und Maßnahmen spiegelt, meist mit zeitlicher Verzögerung, die Konturen des systeminhärenten sozialen Wandels und passt die In- halte wie Mechanismen des politischen Lernens lediglich an die aufkommenden und laufenden Phasen der ihnen genügenden einfachen Modernisie- rung an. Das geschieht, ohne die darin liegenden Dilemmata zugunsten der Vorbereitung auf die Er- arbeitung eines grundlegend besseren Systems von Werteprioritäten, Handlungsoptionen, Verfahren und Institutionen für die Durchsetzung verall- gemeinerungsfähiger Interessen in der nach Krite- rien der sozialen, kulturellen und ökologischen Verträglichkeit im Gerechtigkeitsmaßstab gebote- nen Weise perspektivengewinnend zu problemati- sieren. Politische Bildung als für die legitimen Belange der Betroffenen und die Fortschrittspotenzen in der Bevölkerung parteinehmende gesellschaftskritische, demokratisierungsorientierte, subversive und soli- daritätsverpflichtete (Selbst-)Aufklärung und Selbst- befähigung der Menschen findet ihren Ort oder ihre Unterstützung am ehesten außerhalb der Fremd- verfügung durch herrschende Kreise in pädagogi- schen und andragogischen Einrichtungen und Aktivitäten oppositioneller Organisationen, Bewe- gungen und Initiativen oder Selbsthilfemaßnah- men. Sogar dort wird sie aber eingeschränkt in ih- rer Reichweite und Intensität, weil ihre Absichten, Prozeduren und Verwertungsinteressen verwoben sind in strategische Zwecke und taktische Kalküle im Prozess der in der massenmedialen Kommuni- kation obendrein verzerrten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Seit der Prädominanz der primär wirtschaftlich untersetzten und sich aus- wirkenden Globalisierung als Risikozivilisation und zumal im Rahmen neo-liberalistischer Depotenzie- rungen von Demokratie sowie von Rechts- und Sozialstaatlichkeit gerät Politische Bildung mehr- fach in eine schon früher im Kapitalismus auf- gebaute Ökonomismusfalle : Erstens ist für ihre of- fizielle Handhabung eine Entpolitisierung der Themen und Effekte zugunsten einer opportunis- tischen Vorbereitung auf die Konsumenten-, Be- rufs- oder Arbeitslosenrolle vorgesehen. Zweitens wird die Wahrnehmung ihrer Aufgaben zuneh- mend privatisiert und kommerziell interessierten Anbietern übereignet. Drittens wird die Teilhabe an ihr zu einer Angelegenheit individueller Nach- frage und Organisation. Darüber droht sie völlig diffus, zweckentfremdet und paralysiert zu werden, gerade dadurch aber erst recht einseitige Affirmati- onsfunktionen zu erfüllen. Schließlich wird sie der allgemein um sich greifenden Umfunktionierung pädagogischer und andragogischer Bemühungen anheimgegeben und gleichgemacht, welche Selbst- entfaltung und Selbstaktivität in einer Vermarktung von Subjekten ohne Subjektivität durch gefällige Selbstpräsentation und Selbstdisziplinierung für Zwecke der ökonomischen Verwertung auflöst so- wie die partizipative Staatsbürgerlichkeit und Wünsche nach Umverteilung des Reichtums zu Störgrößen degradiert. Theoriekonzepte und Forschungsbefunde: Politische Bildung im Fokus von Wissenschaft und Politik Die Wirklichkeit der Politischen Bildung ist haupt- sächlich nicht durch menschenrechtlich, historisch, gesellschaftsprogressiv und lerntheoretisch gebo- tene Anforderungen geprägt, sondern von bil- dungspolitischen Zwecksetzungen, die ihrerseits ökonomischen Utilitarismen folgen, sich aber ge- nehmer Begründungen, Anregungen und Beglei- tungen aus der Wissenschaft als Rationalitätsfolien und Rechtfertigungshilfen bedienen. Der – meist schuldidaktisch ausgerichtete, aber Impulse der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbil- dung aufgreifende wie befruchtende – Mainstream im Theoriediskurs über Politische Bildung gewinnt dadurch willkommenen praktischen Einfluss und wird zugleich infolge seiner mangelhaft reflektier- ten, jedoch gern gepflegten oder gesuchten Nähe zur Macht als vermeintlicher Ausweis gesellschaft- licher Nützlichkeit intellektuell korrumpiert. Anfänglich waren in der BRD pragmatisch-geistes- wissenschaftliche Grundierungen erziehungsphiloso- phischer Art und mit konservativem Grundkonsens maßgeblich, die sich gemäß den zeitgeschichtlichen Entwicklungsstadien (Wiederaufbau, Wirtschafts- wunder, Konsolidierung der Spielregel-Demokratie, Verarbeitung aufkommender Anfechtungen und Ungereimtheiten) nacheinander und mit bis heute

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