Handbuch 5. Auflage
Politische Bildung 1213 anzutreffenden Überlappungen in Grundfiguren einer Partnerschaftslehre, Totalitarismusimmunisie- rung, einsichtenorientierten und behavioristischen Institutionenkunde sowie funktionalistischen Kon- fliktlehre und Immanenzkritik ausdrückten. Den staatlicherseits forcierten und bedienten Rationali- tätsbedarfen der entfalteten kapitalistischen Industrie- gesellschaft folgten ab Mitte der 1960er Jahre ausge- klügelte sozialwissenschaftliche Begründungs- und Argumentationsfolien für Ziele, Lerngegenstände und Methoden, denen ihrerseits eine meist am In- strumentalismus strukturierte Wissenschaftsorien- tierung eigen wurde. In ihrem Kontext wurden auch Nachholbedarfe bei der Perzeption gesell- schaftskritischer, gar explizit marxistischer Ansätze des Umgangs mit Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur befriedigt, deren praktische Konsequenz für eine kurze Zeit mancherorten in Versuche einer phasenweise durch den Ausbau von Demokratie und Sozialstaatlichkeit im Rahmen anwachsenden allgemeinen Wohlstands begünstigten emanzipato- rischen Politischen Bildung mündete. Während Letztere inzwischen aus der Praxis längst schon wieder weitgehend eliminiert ist, aber immerhin in den theoretischen Grundlagen vielschichtiger Kon- zeptentwicklung wenigstens von Außenseitern noch mit einem materialistisch-systemkritischen Wissen- schaftsverständnis fortgeschrieben und andauernd aktualisiert wird, sind seit dem anschließenden He- gemoniegewinn des Neo-Konservatismus ab Mitte der 1970er Jahre und seinen Ausläufen oder Flankie- rungen im Neo-Liberalismus seit Beginn der 1990er Jahre affirmative Grundströmungen zwar bis zur Unübersichtlichkeit auspluralisiert, jedoch infolge fehlender, vermiedener oder verdrängter Funda- mentalkontroversen monopolistisch in den ver- meintlichen Normalismus positivistischer Empirie (mit Abbildung von Realitätspartikeln als norma- tive Faktizität) und idealistischer Produktion von Konzeptversatz-Partikularismen (für die pragma- tisch-technische Anleitung von Unterricht) mit ge- radezu penetranter Systemtreue integriert. Nunmehr dominieren parallele Varianten vorder- gründig modernisierter Institutionenkunde, se- kundärtugendhafter Moralerziehung, neonationa- listischer Patriotisierung nach Leitkulturvorbild, technisierter Parlamentspädagogik und reflexions- armer Handlungsorientierungen individualisie- render oder perspektivenvergleichender Subjekti- vismuszentrierung mit Edutainmentcharakter. Durch sie werden überkommene Grundmuster ei- ner stoff- oder verhaltensorientierten Unterrichtsar- beit wiederbelebt, jedoch eine tief greifende kriti- sche Beschäftigung mit den gravierenden Herausforderungen der Gegenwartsepoche und ihren Implikationen für eine radikale Erneuerung der nationalen wie globalen politischen Ordnung samt ihrer objektiven Bedingungen in den sozio- ökonomischen Lebensverhältnissen verabsäumt. Kleinformatige qualitative Unterrichtsforschung dient dabei als Illustrationsmaterial zur Demons- tration der Praktikabilität von Planungsbeispielen und als Quelle einer Pseudotheoretisierung aus der Praxis für die Praxis, ohne wenigstens dem Falsifikationsprinzip gediegener Empirie ver- pflichtet zu sein, nicht aber als Anlass für eine fundierte Mängel- und Selbstkritik. Sofern mit obendrein vorhandener quantitativer Wirkungsforschung durchaus immer wieder gravie- rende Defizite der Politischen Bildung bei Heran- wachsenden wie Erwachsenen und somit enorme Effizienzlücken bei der üblichen politikbezogenen Vermittlung von Wissen, Fertigkeiten, Gefühlsdis- positionen sowie Handlungsmotiven und -fähig- keiten nachgewiesen werden, wird dies entweder als Indikator für die Untauglichkeit der (jedoch gar nicht praktizierten) Modalitäten der Emanzipati- onsorientierung oder zum Anlass der Einforderung eines (freilich wiederum systemimmanent angeleg- ten) fachdidaktischen Paradigmenwechsels genom- men. Für dessen Implementation sind neuerdings zwei Varianten im bildungspolitisch ebenso em- phatisch-vehement geforderten wie selektiv-inkon- sistent perzipierten Angebot: Zum einen setzen materialreich ausgestattete und pilotartig für erprobt gehaltene Modelle einer ‚De- mokratiepädagogik‘ auf ein Training einzelner Ver- haltensweisen für die quasi-simulative Hand- habung von Partizipationsregeln und -fertigkeiten in der (vorwiegend schulischen) Lebenswelt und den ihr nahen artifiziellen Gebilden für altersgrup- peninterne demokratische Sandkastenspiele ohne Problematisierung von Systemzusammenhängen und basalen Dilemmata der Politik. Zum anderen dienen aufwendig inszenierte Lernumgebungen einer individualisierenden ‚neuen Lernkultur‘ , die mit weitgehender Inhaltsbeliebigkeit unter Forcie- rung der Benutzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien darauf zielt, dass Lernende mithilfe lediglich moderierender Lehr-
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