Handbuch 5. Auflage

Posttraditionale Vergemeinschaftung 1219 In bestimmten Restvarianten haben sich diese älte- ren Territorialstrukturen vornehmlich in den infor- mellen Jugendgruppen und in den Jugend(sub-) kulturen bis in die Gegenwart erhalten, gleichwohl das Territorialprinzip im gemeinschaftlichen Grup- penbezug spätestens seit der Mitte des 20. Jahr- hunderts aufgeweicht worden ist: Die zunehmende regionale Mobilisierung und Motorisierung, der Verlust der Straße, die Angleichungstendenzen von männlichen und weiblichen Jugendlichen, die Ver- änderung der Kommunikationsstrukturen, die In- ternationalisierung / Globalisierung , die Medialisie- rung und Digitalisierung der kleinen Lebenswelten und die virtuellen Gemeinschaften haben unter an- derem dazu geführt, dass ein Bedeutungsrückgang, teilweise auch -verlust betont territorial bezogener Sozialformen und damit auch ein Bedeutungsrück- gang von umfassenden multifunktionalen Jugend- gemeinschaften mit hochgradig formalisiertem und ritualisiertem Gruppenleben stattgefunden hat, der nahezu alle Lebensbereiche, also die ge- samte Lebenswelt der Jugendlichen durchdrang (Mitterauer 1986, 211 f.). Bis weit in die Neuzeit hinein war es in vielen – und nicht nur in schulischen – Lebensbereichen ganz selbstverständlich, dass oftmals das Prinzip der Al- tersheterogenität im Rahmen von Jugendgruppen vorherrschte. Gleichaltrigkeit war seinerzeit allen- falls in engen Grenzen ein Prinzip der Gesellung. Für die Entstehung der Gleichaltrigengruppen im engeren Sinne des Wortes war sicherlich die Ent- wicklung und Ausbildung der modernen Jahr- gangsklassen im 19. Jahrhundert in Europa in den neuzeitlichen Schulen besonders bedeutsam. Die Struktur der Jahrgangsklasse beeinflusste in der Folgezeit nicht nur die innerschulischen Sozialbe- ziehungen, sondern vor allem auch die außerschu- lischen Gruppenbildungsprozesse. Aber erst mit der Ausweitung des Schulbesuchs und der sich immer weiter ausdehnenden Verschulung der Ju- gendphase „schließen immer mehr Jugendliche ihre Kontakte auf dieser Ebene der Altersgleichen“ (Mitterauer 1986, 154 f.). Und spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts lebt und lernt man alle- mal mindestens außerhalb der partikularen, eher affektiv emotionalen familiären Sozialbeziehungen und jenseits der eher universalen, weithin versach- lichten Arbeitsbeziehungen (gleichwohl auch die schulischen Erziehungswerte analog zur Arbeits- welt eher universal, an Leistungen orientiert sind) in der Regel mit anderen Jugendlichen. Große Gruppen Jugendlicher verbleiben heute im Zuge der Ausweitung des Schul- und Hochschulbesuchs (das Prinzip der Altershomogenität gilt freilich auch in den verschiedenen Jugendverbänden und Jugendvereinen, die ihrerseits allerdings in den letzten Jahren erhebliche Einbußen an Mitgliedern und Bindekräften zu verzeichnen hatten) einen längeren Zeitraum in einer Gesellschaft der Alters- gleichen und erleben (abgesehen von der insgesamt verkleinerten Familienstruktur) die Integration in altersheterogene Gruppen, etwa in der Arbeitswelt, lebensaltersspezifisch gesehen zu einem immer späteren Zeitpunkt. Jungsein vollzieht sich so gese- hen, wenn man einmal vom gewollten oder aber auch erzwungenen Alleinsein absieht, meistens im Anschluss an innerschulische und ausbildungs- bezogene Sozialbeziehungen in informellen Freundschaften, Gleichaltrigengruppen, Jugend- kulturen, Cliquen oder Szenen. Gleichaltrigengruppen / Peers eröffnen mittlerweile vielen Jugendlichen in sozialkultureller Hinsicht kompetenteTeilnahme- und Selbstverwirklichungs­ chancen ohne formelle Organisationsformen und Verwaltungsstrukturen, ohne Antragsformulare, ohne Monatsbeiträge und ohne Mitgliedsbücher etc., und dies bei zunehmender individualisierter Wahlfreiheit, zuweilen immer noch – wie in den historischen Vorläufergestalten – mit strengen Auf- nahmeritualen. Gegenwärtige Jugendkulturen und Jugendszenen sind nur in dem Sinne entritualisiert , dass sie meistens ohne Fahnen, Wimpel, Wappen und Trachten auskommen, obgleich andere ju- gendkulturell sichtbare und (für Fremde, nicht Eingeweihte) weniger sichtbare Embleme, Sym- bole oder Stile (Mode, Kleidung, Medien, Musik, Frisur, Accessoires, Habitus usw.) außerordentlich wichtig sein können. Dennoch besitzen sie nicht selten auch ohne gesatzte Normierungen für die komplexe Persönlichkeits- respektive patchwork- orientierte Identitätsentwicklung von Jugendlichen eine starke sozialisatorische Prägekraft. Dieser patchworkaffine Identitätsprozess ist zweifelsohne noch bedeutsamer in den heutigen internetbasier- ten kommunikativen Möglichkeitsräumen der multiplen und zugleich kohärenten Identitätskon- struktionen der digitalen Welten (Körperlosigkeit, Anonymität und Textbasiertheit von Chats, private Homepages mit authentischen und nicht-authen- tischen Präsentationen; Online-Rollenspiele, in

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