Handbuch 5. Auflage
1220 Ferchhoff denen Spieler in verschiedene Rollen und in ver- schiedene Parallelwelten – auch als Avatare in vir- tuellen 3D-Simulationen im Web 2.0 / Second Life – schlüpfen können). Im Kontext eines generellen Trends zu einem Aus- gleich der Geschlechterrollen erobern sich immer mehr Mädchen jenseits nach wie vor in einigen Jugend(sub-)kulturen vorhandener jungenspezi- fischer Dominanz über informelle Jugendgruppen jugendspezifische, selbstgewählte, selbstaktive und selbstsozialisatorische Freiräume (schon an- satzweise in den alternativen Hippie-Kulturen der 1960er und 1970er, bei den Punks in den 1970er und 1980er, in der Gothic-Szene in den 1990er, in den Techno-Gemeinschaften ebenfalls der 1990er und neuerdings vornehmlich in den Emo- Szenen der 2000er Jahre). Diese waren ihnen zu- vor weder beim – meistens unter weiblicher Kon- trolle stehenden – innerhäuslichen Treffen vom historischen, eine tendenziell eigene weibliche Gattung repräsentiernden Typus der Spinnstuben als Arbeits- und Geselligkeitsorte (das gegensei- tige Kennenlernen umfasste sehr viele Varianten: arbeiten, singen, essen, trinken, spielen und tan- zen) im 17., 18. und 19. Jahrhundert noch in den außerhäuslichen, eindeutig machistisch – und zu- mindest in den historisch älteren Varianten ein- deutig territorial – geprägten städtischen Jugend- und Cliquenkulturen (Wandervogelgruppen, bündische Jugendkulturen, Arbeiterjugendkultu- ren, Wilde Cliquen, Halbstarke, Teds, Rocker, Mods, Heavy-, Satan-, Death-, Black-Metals, Skinheads, Hip-Hopper usw.) des 20. Jahrhun- derts in diesem Ausmaß gewährt worden. Diese Optionen und Freiräume standen ihnen auch im Kontext obligatorischer (Zwangs-)Mitgliedschaf- ten in der Staatsjugend (BDM oder FDJ) oder in den verschiedenen, eher auf Freiwilligkeit setzen- den, teilweise mit universellen, lebensumfassen- den Ansprüchen aufwartenden Organisationen der Verbandsjugend (wie etwa die Jugendver- bände der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, der politischen Parteien, die konfessionellen Ju- gendverbände) sowie in der teilweise nur mit par- tikularen bzw. partiellen Zwecken ausgestatteten Vereinsjugend (wie bspw. die Sportjugend, DLRG-Jugend, Feuerwehrjugend usw.) nicht zur Verfügung. Immerhin hat sich im historischen Verlauf die Be- deutung auch von Vereinen und Verbänden im Zu- sammenhang des jugendlichen Gruppen- und Ge- meinschaftsleben gewandelt. Die Tendenz ging von einer stark bindenden, konformen und lebens- umspannenden, multifunktionalen Lebenssinn- gemeinschaft, mit wenig Spielraum für individuel- les Handeln zu einem eher lockeren Gefüge von flexiblen, teilweise ästhetisierenden Netzwerken, zu einer partiellen, partikularen, begrenzten, eher le- bensstil- und erlebnisorientierten, eher labilen, nicht immer sach- und zweckgebundenen Bindung auf Zeit mit wenig formalisierten Verbindlichkei- ten, Gewissheiten und Kontakten. Selbst im heuti- gen, die subjektbezogenen Handlungsspielräume erweiternden Rahmen der Familie, Schule, Er- werbsarbeit, Vereinsstruktur und Jugendverband sind die autonomen, selbstsozialisatorischen Räume begrenzter als in den informellen, posttraditionalen Jugend- und Gleichaltrigengruppen. Weibliche Gleichaltrigengruppen erobern seit ei- nigen Jahrzehnten zunehmend auch ohne männ- liche Begleitung öffentliche Räume, die ehemals nur Jungengruppen vorbehalten waren. Mädchen, beste Freundinnen und gleichaltrige Mädchen- gruppen können sich heute oftmals im Anschluss an innerhäusliche Treffpunkte in eigenen Kinder- und Jugendzimmern, wo sie sich nicht selten wech- selseitig schminkend, anziehend und gemeinsam Kultfilme-, -serien und -videos sehend auf die au- ßerhäuslichen Freizeit-, Shopping- und Partykul- turen einstimmen und vorbereiten, einander in Lokalen, Boutiquen, Kinos, Spielhallen, Discothe- ken, Clubs etc. oder im Rahmen von kulturellen Massenevents treffen. Neben den Erfahrungen und Erlebnissen der Ge- borgenheit, Wärme, Sicherheit, Zusammengehö- rigkeit und Solidarität mit Gleichaltrigen (in rei- nenMädchengruppen sind diese stärker ausgeprägt als in den gemischten Gruppen und reinen Jun- gengruppen) dürfen aber auch die möglichen Ab- hängigkeiten von bestimmten einflussreichen Mitgliedern (es gibt aber i. d. R. keine festen An- führer mehr), die jeweiligen Rivalitäten zwischen einzelnen Mitgliedern und schließlich die mögli- che „Tyrannei der Peers“ (etwa bei permanenter Abweisung, Aussperrung, Ausgrenzung, Mobbing, Cyber-Mobbing) nicht unerwähnt bleiben. Im- merhin: In Gleichaltrigengruppen werden die Po- sitions- und Hierarchieprobleme der Über- und Unterordnung häufig nach anderen Kriterien, Voraussetzungen und Ritualen geregelt, manch-
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