Handbuch 5. Auflage
Posttraditionale Vergemeinschaftung 1221 mal auch ausgehandelt, als in formellen Gruppen- beziehungen, die weniger frei gewählt werden können. Diverse Mutproben haben oftmals einen zentralen Stellenwert. Jugendliche Gemeinschaften – Gleichaltrigengruppen – Jugend(sub-)kulturen und Jugendszenen In der einschlägigen sozialwissenschaftlichen For- schung werden die rekonstruierten de-lokalisieren- den gesellschaftlichen Veränderungen der traditio- nellen jugendlichen Gesellungsformen als eher informelle, posttraditionale, interaktive Teilzeitge- sellungen und Gesinnungsgemeinschaften, die in Erweiterung und Ergänzung zum konventionellen strukturfunktionalistisch geprägten soziologischen Verständnis der Peer-Groups ebenso wie zu den heutigen gesellschaftlichen Prozessen der Indivi- dualisierung nicht mehr nur auf gemeinsame Le- benslagen beruhen müssen. Szenen liegen quer zu den traditionellen Gesellungsformen wie auch zu den großen gesellschaftlichen Institutionen und Organisationen. Szenen schließen sich immer we- niger im nachbarschaftlichen Rahmen zusammen, und haben häufig keinen Bezug zu Jugendverbän- den, Sportvereinen oder Kirchengemeinden. Sie sind vor allem, so etwa die Dortmunder Jugend- szeneforscher (bspw. Hitzler et al. 2001; Hitzler 2008, 55 ff.): Gesinnungsgemeinschaften, thema- tisch fokussierte Gruppennetzwerke und labile Ge- bilde. Sie sind dynamisch, ständig in Bewegung, haben offene Ränder. Sie sind interaktive und par- tikulare Teilzeit-Gesellungsformen mit unter- schiedlichen Reichweiten und vororganisierten Erfahrungsräumen. Sie sind relativ unstrukturiert. Dennoch orientieren sich Szenegänger durchaus an bestimmten Organisationseliten und Szenepro- motoren, dem sog. Szenekern, der szenetypische Erlebnisse und Events bereitstellt. Szenetypische posttraditionale Eigenschaften und Gesellungsfor- men findet man inzwischen auch vermehrt in her- kömmlichen Gemeinschaften und Freundschaften. Szenen sind so gesehen situative Wärmespender, auch altersspezifisch nicht nur homogen, wiewohl hier jugendliche Gesellungsformen von Peer- Groups vorhanden sind und ein jugendliches Ver- ständnis oder adäquater: ein jugendlicher Habitus bzw. eine juvenile Gesinnung (Hitzler 2008, 67) auch bei Nicht-Mehr-Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorliegt. Dennoch: die Altershomo- genität der Gleichaltrigengruppen wird im Me- dium dieses Szene-Verständnisses aufgeweicht. Szeneorientierte Gleichaltrigengruppen bzw. Ju- gendkulturen sind in der Regel auf freiwilliger und eigenständiger Basis entstanden. Ihre Strukturei- genschaften sind nicht lokal begrenzt, sie sind netz- werkorientiert, tendenziell weltumspannend und ohne intensive Internetnutzung der Beteiligten kaum noch vorstellbar. Sie weisen einen vergleichs- weise geringen Grad an Stabilität auf, was Dauer, Konsistenz und Zugehörigkeit angeht, obgleich massive Abgrenzungstendenzen / Exklusion nach außen sowie Einigelungen / Zugehörigkeiten / In- klusion nach innen in bestimmten, den gesell- schaftlichen (post-)modernen Entwicklungspro- zessen der Szenen zuwiderlaufenden traditionalen Gemeinschaften und Gruppierungen manchmal zu einer Art verschwörerischen oder sehr engen episodalen Schicksalsgemeinschaft (Bohnsack et al. 1995, 27) führen kann. Dies trifft – freilich jenseits szeneaffiner posttraditionaler Vergemeinschaftun- gen – vornehmlich auf rigide Fan-Orientierungen in Sport- und Musikbereichen (Hooligans, Ultras usw., auf nahezu alle Varianten der Metaller), auf (neo-)religiöse Gemeinschaften im Christentum und im Islam, auf manche Skinhead-Orientierun- gen und auf alle rechtsradikalen Milieus zu. Heutige Freundschaften und vor allem noch dezi- dierter: heutige informelle Gleichaltrigengruppen in posttraditionalen Gemeinschaften / Szenen, die durch persönliche Optionen aufgrund des Prinzips zunehmender Wahlfreiheit gebildet und auch wie- der abgewählt werden können und deren Mitglie- der sich der tendenziell fluiden kollektiven Existenz stets vergewissern müssen, entscheiden u. a. etwa in den heutigen komplexen, vielfältigen jugendlichen Medienwelten vornehmlich darüber, welcher Mu- sikstil wie, welches Musikgenre wie, welche Print- Medien wie, welche Audiomedien wie, welche au- diovisuellen Medien wie, welche Fernsehformate wie, welche Filme wie, welche Videos wie, welche Handynutzung wie (telefonieren, Photos schießen, SMS mit verschiedenen, Stimmungen anzeigen- den, Smileys schreiben etc.), welche Spiele (Kon- solen, Internet) wie, welche Internetportale wie präferiert und genutzt werden.
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