Handbuch 5. Auflage

1222 Ferchhoff  Globalisierung, Gleichaltrigengruppe und neue digitale Welten Hinzu kommt, dass in historischer Perspektive die verschiedenen ländlichen und städtischen Jugend- gruppen neben ihrer Einbettung in die beschriebe- nen institutionalisierten und ritualisierten Ver- gesellschaftungsmodi vornehmlich in engen regionalen, territorialen Horizonten agierten. Ver- änderte Lebens- und Kommunikationsbedingun- gen haben die Lebenshorizonte von vielen Jugend- lichen erweitert und zu überregionalen und vornehmlich auch zu internationalen globalen Ge- meinsamkeiten von Lebens-, Konsum-, Medien-, Musikstilen und Jugendgruppen geführt. Im his- torischen Verlauf haben Entregionalisierungspro- zesse nicht zuletzt durch viele Erweiterungen neuer direkter und indirekter Kommunikationsmöglich- keiten stattgefunden. „Für die Überwindung der auf die eigene Gemeinde zentrierten Identität tra- ditionaler ländlicher Jugendgruppen waren sicher schon die Eisenbahn und das Fahrrad von Bedeu- tung. Im Vergleich dazu hat aber die Entregionali- sierung in den letzten Jahrzehnten vollkommen andere Dimensionen erreicht“ (Mitterauer 1986, 250). In den mehr als 25 Jahren, seitdem diese Di- agnosen gestellt wurden, hat sich das Tempo dieser Entwicklung noch deutlich beschleunigt. Vor dem Hintergrund ausgeweiteter Freizeit, größerer Mo- bilität qua Motorisierung, erhöhten Lebensstan- dards und vor allem auch vor dem Hintergrund der ausgeweiteten und ausdifferenzierten indirek- ten, medial-digitalen Jugendkommunikation sind Jugendtourismus, Jugendreisen und Jugendtreffs zum Teil geschlechts-, zum Teil auch milieuüber- greifend zu einem individualisierten Massenphä- nomen geworden. Direkte Teilnahme und Teilhabe an den eventorientierten Ereignissen an den Wall- fahrtsorten und Kultstätten der Jugendgruppen- kulturen (nationale und internationale Open-Air- Konzerte, Medien-, Musik-, Sport- und Modefestivals, Weltkirchentage, politische und kulturelle Protestfestivals etc.) sind im Lichte vieler Globalisierungsprozesse, die sowohl homogene als auch heterogene Züge aufweisen können (vgl. zu den vielen mögliche Facetten Ferchhoff 2007a; 2007b; 2011) leicht erreichbar geworden. Die Aus- bildung überregionaler, teilweise auch entterrito- rialisierter Gruppenkulturen wäre freilich ohne die alltägliche Verdichtung der Raum- und Zeitstruk- turen, ohne Veränderung und Ausdifferenzierung der verkehrs- und kommunikationstechnologi- schen Entwicklungen – nicht zuletzt auch in den Bereichen: Waren, Kulturen, Zeichen, Symbole, Bilder und Massenmedien – nicht denkbar (Mit- terauer 1986, 250). Die Wirkungen von speziellen Print-Medien, wie etwa das ausdifferenzierte Genre der Jugendzeitschriften, aber auch die Wirkungen durch Kino, Radio und Schallplatte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheinen im Vergleich zu der Intensität des Einflusses der Medien auf die Jugend von den 1950er Jahren bis ins 21. Jahr- hundert noch relativ bescheiden. In den letzten fünfzig Jahren ist es in der medien- und jugendkulturellen Arena zu einer Ausdifferen- zierung von nicht nur medienfokussierten Jugend- gemeinschaften gekommen, bspw. im Medium bestimmter technologischer, massen- und musik- kultureller Innovationen, bestimmter Freizeit-, Tanz- und Musikorte wie Diskotheken und Clubs, bestimmter Musikstile, bestimmter Kino- und Vi- deofilme, bestimmter Konsolen- und Videospiele, Comics, Fernsehserien – in der jüngeren Vergan- genheit auch im Medium der verschiedenen Ver- wendungsmöglichkeiten von MP3-Player, (inter- netbasiertem) Handy, Computer und Internet. Beispielsweise ist der PC im Jahre 2009 das meist- benutzte Gerät, wenn Jugendliche Musik hören. Gefolgt vom MP3-Player, während Radio, CDs, Musik TV zu diesem Zweck in den Hintergrund treten. Ein Leben ohne Handy, ohne iPod, ohne Twittern und ohne Internet scheint für heutige Jugendliche nicht möglich – dagegen müssen sogar (zuweilen) Freundschaften zurücktreten. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang einer sog. „ webciety “, ein Kunstwort aus web und society , neue partizipatorische, trendsetzende, netzbasierte Kommunikations-, Austausch-, Beziehungs- und Vergemeinschaftungsformen in Blogs, Wikis, Chats und Foren, bei YouTube, in Online-Netz- werken, die nicht nur im Medium eines – sicher- lich auch nicht gänzlich zu leugnenden und wenig reflexiv werdenden – virtuellen Exhibitionismus entstanden sind. So gesehen entstanden – analog zur sog. realen Welt – eine Vielzahl und Pluralisie- rung von virtuellen Räumen in mittelbaren-unmit- telbaren Internetgemeinschaften, die durchaus – in Kombination mit traditionellen, bekannte Perso- nen einschließenden unmittelbaren „ Face-to-face-

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