Handbuch 5. Auflage
Posttraditionale Vergemeinschaftung 1223 Beziehungen “, Freundschaften, Gemeinschaften und posttraditionalen Szenen – als Anknüpfungs- punkte für wiederum neue Gemeinschaftsformen verstanden werden können. Kinder und Jugendliche wachsen inzwischen in und mit den digitalen Medienwelten wie selbstver- ständlich auf. Für diese jugendlichen Nutzer ist konsequenterweise der Begriff „digital natives“ ge- prägt worden, der darauf hindeuten soll, dass in den heutigen jüngeren Alterskohorten mit dem frühen und selbstverständlichen Aufwachsen in den digitalen Medienwelten auch – gegenüber an- deren Alterskohorten – quasi-natürliche, einver- leibte Zugangs-, Umgangs- und Ausdrucksformen zu diesen scheinbar unendlichen virtuellen Paral- lelwelten vorhanden sind. Die Jugendkulturen und Jugendszenen der digital natives können dabei wichtige bindungskompensa- torische Funktionen übernehmen, ihnen das Ein- tauchen in andere, auch virtuelle (Lebens-)Welten und soziale Netzwerke der Geselligkeit und Freund- schaften sowie Selbstbestimmungen ermöglichen und diese inszenieren, indem sie sich in Teilberei- chen der häufig übermächtigen direkten sozialen Kontrolle durch Institutionen und Pädagogisie- rungen verschiedenster Art (z. B. Elternhaus, Schule), also den – manchmal als unzumutbar er- lebten – Lebenszwängen des Alltags entziehen, ob- wohl zumeist eine emotionale Tiefenbindung an das Elternhaus bestehen bleibt. Immerhin hat sich in den letzten Jahren die Besiedlung der Freundes- zentralen durch das Internet – etwa qua Facebook , Myspace , schülerVZ , studiVZ , meinVZ , StayFriends und wer-kennt-wen – enorm beschleunigt. In die- sen neuartigen Freundesnetzen können sich die jugendlichen Mitglieder permanent online tref- fen – vielfach mit denjenigen Gruppen und Freun- den, die sie auch schon aus der Offline-Welt ken- nen, um sich noch enger und dauerpräsent zusammenzuschließen (Boyd 2009). Dadurch ist eine autonome Jugendkultur entstanden in dem Sinne, dass die eigenen Jugendgemeinschaften den ratlosen Eltern und Pädagogen entzogen wer- den – eine garantiert erwachsenenfreie Zone. Virtuelle Gruppenwelten und die geisteswissenschaftlich-pädagogische bzw. sozialwissenschaftliche Gemeinschaftsmetapher Gruppenphänomene im Internet werden seit An- fang der 1990er Jahre mit der Entstehung von Online-Communities bzw. virtuellen Gemein- schaften in Zusammenhang gebracht und empi- risch wie theoretisch untersucht (vgl. etwa Döring 2003; Thiedeke 2007), wenngleich sich dieser Dis- kurs bisher kaum mit digitalen jugendkulturellen Gesellungsformen auseinandergesetzt hat. Online- Communities sind soziale Gefüge, die die Suche nach Geselligkeit und Informationen sowie ein Gefühl der Zugehörigkeit und Identität neben der Offline- nun auch in der Online-Welt ermöglichen. Dieses Verständnis grenzt sich von solchen Vorstellungen ab, die in den Communities ein ausschließlich durch gegenseitige Hilfe und soziale Nähe gekenn- zeichnetes soziales Miteinander vorherrschen se- hen, das in der modernen Gesellschaft schon längst verloren geglaubt wurde. In diesem Sinne muss noch Howard Rheingold (1993) verstanden wer- den, der als einer der ersten und entschiedensten Verfechter für die Entstehung einer neuen Form von Gemeinschaft im Netz gilt. Virtuelle Gemein- schaften sind für ihn die Folge eines wachsenden Bedürfnisses nach Gemeinschaft, das die Menschen weltweit entwickeln, weil in der „wirklichen Welt“ die Räume für ungezwungenes soziales Miteinan- der immer mehr verschwinden. Die Online Com- munities sieht er als Brücke zu fremden Kulturen an, die jetzt nicht mehr unbedingt von Angesicht zu Angesicht besucht werden müssen, damit man sie kennen lernt. Auch eine virtuelle Begegnung könne dies jetzt ermöglichen, wenngleich Face-to- Face-Kommunikation und direkte Treffen dadurch nicht ersetzt werden. Folgt man diesem Gedanken im Hinblick auf die Frage nach jugendkultureller Gesellung im Internet weiter, würde dies bedeuten, dass durch die virtuell geknüpften Bekanntschaften sowie Freundschaften und die spezifische Art und Weise, in der sich die Jugendlichen über computervermittelte Kom- munikation (CvK) gegenwärtig miteinander aus- tauschen, völlig neue Erfahrungshorizonte er- schlossen werden könnten, die sich von früheren
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