Handbuch 5. Auflage

Prävention und Intervention 1229 schränkt Freiheitsräume einer eigenverantwortli- chen Lebenspraxis der Adressaten und Adressatin- nen ein (Ziegler 2001). Wenn trotz zahlreicher kritischer Einwände vor al- lem der Achte Jugendbericht (BMJFG 1990) wei- terhin an der Forderung nach Prävention festgehal- ten und Prävention als eine Strukturmaxime der Kinder- und Jugendhilfe beschrieben hat, so des- halb, weil in demVerhältnis von sozialem Anspruch der Sozialen Arbeit und ihrer kontrollierenden Normalisierungsfunktion eine neue Gewichtung vorgenommen werden sollte. Bezugnehmend auf die Anforderungen des gesellschaftlichen Moderni- sierungsprozesses wird ein Präventionsverständnis formuliert, das ausdrücklich darauf hinweist, dass Angebote und Maßnahmen der Jugendhilfe im Kontext von Prävention nicht unter dem Gesichts- punkt von Verhütung von Schwierigkeiten bzw. als (Wieder-)Herstellung von Normalität zu verstehen sind. Primäre Prävention wird in diesem Zusam- menhang definiert als Orientierung auf lebens- werte, stabile Verhältnisse, sekundäre Prävention meint demgegenüber vorbeugende Hilfen in Situa- tionen, die belastend sind und sich zu Krisen aus- wachsen können. Beiden Ansatzpunkten ist der Anspruch gemeinsam, den Widerspruch Sozialer Arbeit in ihrer Institutionalisierung zwischen Sozi- alstaatpostulat und Sozialdisziplinierung so zu be- wältigen, dass präventive Leistungsprofile tatsäch- lich möglich werden. Um eine Überdehnung des Präventionsbegriffes bzw. eine entsprechende Begriffsentgrenzung zu vermeiden, entwickelt der 13. Kinder- und Jugend- bericht (BMFSFJ 2009, 51 ff.) die Definition einer gesundheitsbezogenen Prävention, mit der alle Formen von Praxishandeln bezeichnet werden, die auf die Vermeidung bzw. frühzeitige Linderung ge- sundheitlicher Belastungen bzw. Krankheiten ab- zielen. Wesentlich ist in diesem Kontext, dass ein nachvollziehbarer Zusammenhang zwischen dem praktischen Handeln und dem anvisierten Ziel der Vermeidung gesundheitlicher Beeinträchtigungen zumindest mittelbar begründbar ist, was präventive Strategien in den Kontext der Debatte über evi- dence-based-praxis mit all ihren Herausforderun- gen und Ambivalenzen verortet (Schrödter / Ziegler 2007; Otto et al. 2008). Prävention in diesem Ver- ständnis setzt somit voraus, dass mit hinreichender Sicherheit nicht nur zukünftige Entwicklungen vorhergesagt werden können, sondern auch Mittel zu deren Beeinflussung bekannt sind. Darüber hi- nausgehend ist zentral, dass ein Konsens darüber besteht, dass die erwartbaren Entwicklungen un- erwünscht und deshalb zu vermeiden sind, was wiederum auf die implizite Normativität präventi- ver Ansätze verweist (Homfeldt / Sting 2006). Prävention und Individualisierung In einer modernisierungstheoretischen Begrün- dung des Präventionsbegriffes wird davon aus- gegangen, dass angesichts der Komplexität gesell- schaftlicher Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit und insbesondere im Hinblick auf die ver- änderten Lebensbedingungen ihrer Klientel sowohl die gängigen Interventions- als auch die üblichen Präventionsmuster revidiert werden müssen (Böl- lert 1992). Eine perspektivische Konzeptualisie- rung präventiver und interventionistischer Maß- nahmen hat dabei zunächst darauf Bezug zu nehmen, dass sich aufgrund gesellschaftlicher Mo- dernisierungsprozesse die Lebensentwürfe der AdressatInnen und ihre Beziehungsmuster verviel- fältigen. In einer Risikogesellschaft können und müssen Lebensentwürfe immer häufiger ohne Rückgriff auf tradierte Vorbilder entwickelt und ausgehandelt werden (Beck 1986). Von daher sind subjektive Biographien immer weniger das Resultat ausschließlich klassen- und schichtspezifischer Zu- gehörigkeiten, stattdessen müssen sie vor demHin- tergrund weitreichender Individualisierungspro- zesse verstärkt als Ergebnis eigener Entscheidungen interpretiert werden. Folge dieser gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse ist, dass Individuen ihre soziale Integration in einem erheblichen Umfang selbst zu bewerkstelligen haben. Das hat weitrei- chende Konsequenzen sowohl für die Soziale Ar- beit selbst als auch für ein ihr zugrundeliegendes Präventionsverständnis: Verallgemeinerbare Nor- malitätsentwürfe verlieren zu Gunsten einer Aus- differenzierung unterschiedlichster Lebensent- würfe zunehmend mehr an Bedeutung. Für präventive und interventionistische Maßnahmen folgt daraus, dass sie nicht mehr länger auf der Grundlage durchgängig definierbarer Normalitäts- entwürfe institutionalisiert werden können. Prä- vention als Verhinderung von Normabweichung und Intervention als deren Bearbeitung werden in diesem Kontext tendenziell obsolet.

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