Handbuch 5. Auflage
1236 Dewe · H.-U. Otto Weingart (1981) hat nun darauf hingewiesen, dass in Gesellschaftssystemen mit einer stärkeren Tradition zentralistischer Verwaltungsbürokratien und / oder extensiver staatlicher Regulierungen die Professionen nie eine besonders hohe Auto- nomie genossen und politische Kontrolle der und Eingriffe in die professionelle(n) Selbstregulie- rung nicht als ungewöhnlich galten. Die Gegen- wart und Tradition eines „starken Staates“ und die sich daraus hierzulande ergebende, die Professio- nalisierungsabsichten in Richtung auf professio- nelle Autonomie konterkarierende Bedeutung sind bei der Rezeption der amerikanischen Pro- fessionalisierungssoziologie in ihren konkret-his- torischen Auswirkungen für Verberuflichungspro- zesse der sozialen Arbeit jedoch nicht adäquat eingeschätzt worden. So ist nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt der staatlichen Kontrolle und der damaligen Tendenz einer zunehmenden Durchstaatlichung aller gesellschaftlichen Sphären mit Kairat (1969) davon auszugehen, dass Begriff- lichkeit und klassisches Entwicklungsmuster pro- fessionalisierten Handelns angesichts der neuen Problemlagen im quartären Sektor und ausgehend von der Handlungsproblematik der unmittelbar personenbezogenen, modernen sozialen Dienst- leistungsberufe (Japp 1986; Olk /Otto 2003) als obsolet zu betrachten sind. Deshalb scheint es notwendig, ein theoretisches Konzept zu finden, in dem gegenwärtiges professionelles Handeln in- terpretierbar ist. Die historische Überholtheit des klassischen Professionalisierungsmusters konsta- tieren bekanntlich schon Weber (1972) und – be- zogen auf die dort vollzogene Hypostasierung der Wissensdimension professionellenHandelns – Rü- schemeyer (1972). Somit erscheint es plausibel, dass die auf tatsäch- liche Professionalisierungsmöglichkeiten der Sozi- alarbeit / Sozialpädagogik gerichtete gesellschafts- theoretische Analyse darauf abzielt, zunächst das „institutionalisierte und formalisierte Arbeitskraft- muster“ (Daheim 1992) des Sozialarbeiters bzw. des Sozialpädagogen theoretisch und empirisch konkret zu bestimmen. Die in diesem Zusammen- hang den sozialpädagogischen Diskurs dominie- rende neuere systemtheoretische Diskussion, die sachlogisch und gesellschaftstheoretisch die Frage nach der Professionalisierung sozialer Arbeit be- rührt, verheißt zwar eine systematische Klärung der aktuellen Problematik sozialarbeiterischer In- terventionspraxis als Dienstleistungstätigkeit in der modernen Gesellschaft, kann aber bisher noch keinen gezielten Bezug zu den handlungstheoreti- schen Prämissen einer reflexiven Professionalität berufspraktischen Handelns im sozialen Dienst- leistungssektor herstellen (Merten 1997). Unter dem Gesichtspunkt der Funktionalität von Sozial- und Systemintegration wird seit einigen Jahren im Rahmen des systemtheoretischen Diskurses die Frage sehr kontrovers und zurzeit noch mit offe- nem Ausgang erörtert, inwieweit Soziale Arbeit im Kontext von Exklusions- und Inklusionsverfahren ein eigenständiges soziales Subsystem und in der Folge eine klassische Profession konstituieren kann oder ob sie in subordinierter, abgeleiteter Form Funktionselemente für andere soziale Subsysteme realisiert. Der Hinweis Stichwehs „Professionalisie- rung [sei] nur ein bestimmtes Lösungsmuster für spezifische Probleme in einigen Funktionssyste- men“ (1996, 57) der Gesellschaft, wirft hier zum einen die Frage auf, ob von einem eigenständigen Funktionssystem hinsichtlich der Sozialen Arbeit gesprochen werden kann (Merten 1997; 2000) oder nicht (Bommes / Scherr 1996; 2000) und zum anderen das Problem, inwieweit das konventionelle Konzept der Professionalisierung für die Soziale Arbeit überhaupt als ein zukunftsträchtiges Lö- sungsmuster zu bewerten ist. Vor diesem Hinter- grund erscheint die Antwort auf die erwähnte Frage noch offen und die systematische Klärung der Problematik sozialarbeiterischer / sozialpädago- gischer Interventionspraxis als organisierte Hilfe im Sozialstaat unter den Bedingungen der moder- nen, funktional differenzierten Gesellschaft bei Weitem noch nicht abgeschlossen. Die Bestim- mung der Funktion Sozialer Arbeit als Exklusions- vermeidung, Inklusionsvermittlung oder Exklusi- onsverwaltung markiert den gegenwärtigen Stand der Debatte. Angestoßen wurde diese durch Luh- manns theoriearchitektonisch wesentlich beein- flusste Diskussion durch Beiträge Stichwehs (1996) und Baeckers (1994) zur Funktionalität sozialer Arbeit in der Moderne. Von den in dieser Debatte kontrovers erscheinenden Standpunkten setzt sich die hier favorisierte handlungsstrukturelle Perspek- tive (hierzu: Dewe /Otto 1996b; Dewe 2000) ab.
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