Handbuch 5. Auflage
Profession 1237 Die neue Professionalisierungsdiskussion Seit einigen Jahren zeichnet sich eine neue Profes- sionalisierungsdiskussion (Dewe et al. 1992; Combe /Helsper 1996; Becker-Lenz 2005) ab, die nicht mehr die sozialen Schwierigkeiten der Ver- beruflichung, sondern die Strukturprobleme sozial pädagogischen Handelns ins Zentrum der Auf- merksamkeit rückt. Das zentrale Thema ist nun die Qualität der Zuständigkeit und keineswegs die ver- meintliche oder tatsächliche Exklusivität der Zu- ständigkeit , wie es die essentialistische Denkart wollte. Die neue Professionalisierungsdiskussion lässt die legitimations- und standespolitische De- batte (Soziale Arbeit als „Aufstiegsprojekt“) hinter sich und überwindet auch die technologische Per- spektive der Effektivierung und Rationalisierung sozialpädagogischer Prozesse (Alisch / Rössner 1980; Imker 1982), obgleich seit Ende der 1990er Jahre sozialpolitisch die Tendenz zu einer ökono- mistischen Reduktion der erreichten Standards professioneller Praxis in den sozialen Berufen auf ausschließlich an Wirtschaftlichkeitskriterien ori- entiertes Vorgehen nach der Logik des Marktes zu beobachten ist. Die im Kern technokratische, vor- nehmlich effizienz- und leistungsorientierte De- batte um „Qualität“ bzw. „Qualitätssicherung“ (Kritik bei Dewe /Galiläer 2000) droht die Syste- matisierungsbestrebungen in der Diskussion um die Professionalisierung der sozialen Arbeit zu überlagern. Die neue Professionalisierungsdiskus- sion in der Sozialen Arbeit basiert demgegenüber auf der Einsicht, dass heute statische Macht- und Zuständigkeitskonzepte beruflichen Handelns sta- gnieren und die Handlungschancen der Individuen steigerbar erscheinen, wenn moderne Wissensge- sellschaften dem Einzelnen erweiterte Handlungs- möglichkeiten bieten. Sie zielt folglich auf die Re- konstruktion eines reflexiven Handlungstypus im Kontext professioneller Aktion (Dewe /Otto 1996a). So nähert sich die Analyse und Theorie- bildung den Binnenstrukturen und der Logik sozi- alpädagogischen Handelns im Spannungsfeld von allgemeiner Wissensapplikation und Fallverstehen. Der moderne Professionsbegriff liegt bildlich ge- sprochen quer zu den tradiertenTypologien. Indem er die Potenzialität der professionellen Handlungs- qualitäten in der Sozialen Arbeit in den Mittel- punkt der Analyse rückt, beruht seine Stärke in ei- nem neuen Bezugspunkt. Zudem werden jetzt Fragen nach der Professionalisierungsbedürftigkeit bestimmter Tätigkeiten im sozialen Dienstleis- tungsbereich sowie nach der Professionalisierbar- keit solcher Tätigkeiten unter den gegebenen insti- tutionellenRahmenbedingungen empirischüberprüft (u. a. Otto 1991). Aus der Sicht der neuen Profes- sionstheorie fällt auf, dass die reale Problematik professioneller Orientierung sich in der stark stan- despolitisch inspirierten Debatte der 1970er, 1980er Jahre deutlich in der Art und Weise ihrer wissen- schaftlichen Thematisierung niederschlug. Die professionalisierungstheoretische Diskussion um die Bedingungen und Möglichkeiten einer „pro- fessionellen Handlungskompetenz“ (Müller et al. 1984) sowie der Professionalisierung der „helfen- den Berufe“, die damit in Zusammenhang ge- brachte Kritik der zunehmenden Expertisierung und Szientifizierung des Alltagslebens, aber auch die Forderung nach De- oder gar Entprofessionali- sierung, Rehabilitierung von Laienkompetenzen und Selbsthilfe (Müller-Kohlenberg 1996) trugen in der Vergangenheit weder zu der notwendigen Klärung des Professionsbegriffs noch zu der Frage nach den Voraussetzungen der Professionalisierbar- keit bestimmter beruflicher Tätigkeiten bei, im Gegenteil: Sie waren in weiten Teilen eher konfus und missverständlich und in politisch-praktischer Hinsicht stark legitimationsbedürftig (Haupert 1995; Gildemeister 1992). Sozialarbeit / Sozialpädagogik zwischen Profession und Organisation Ein weiterer Mangel der schon seit Anfang der 1970er Jahre vor dem geistigen Hintergrund der primär struktur-funktionalistischen Literatur über die Herausbildung und Etablierung von „profes sions“ und zumeist sehr apologetisch geführten Diskussion liegt darin, dass der Verberuflichungs- prozess von Sozialarbeitern zwar als Professionali- sierung gedeutet wurde, aber dieser in wesentlichen Hinsichten wie vornehmlich der der beruflichen Unabhängigkeit von bürokratisch strukturierten Organisationen und ihrer materiellen Sicherung nur wenig ähnelte. Dieses negative Ergebnis war theoriestrategisch jedoch dem zugrunde gelegten konventionellen Professionsbegriff und seiner gera-
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=