Handbuch 5. Auflage

Ausbildung für Soziale Arbeit in Europa 125 Von besonderem Interesse sind die Informationen aus Estland , Lettland und Litauen . Da es in der Sowjetunion keine spezifische Ausbildung für So- ziale Arbeit in unserem Verständnis gab, musste hier in einem Jahrzehnt eine Entwicklung „nach- geholt“ werden, die sich in den westlichen Ländern in einem Jahrhundert vollzogen hat. In Estland wurde die Sozialarbeiterausbildung Anfang der 1990er Jahre an den Universitäten Tallin und Tartu begonnen, sie ist inzwischen bereits nach dem BA /MA (Bachelor /Master)-Schema strukturiert. Angeboten wird auch ein Promotionsstudiengang. In Lettland wurde die Ausbildung für Soziale Ar- beit zu Beginn der 1990er Jahre eingeführt. Sie ist in universitäre Studiengänge der Soziologie (Sozial- arbeit), Pädagogik (Sozialpädagogik) und Medizin (Social Care) integriert. Außerdem kann Sozial- arbeit an einer privaten und einer evangelischen Akademie studiert werden. Die Ausbildung in Li- tauen knüpft an sozialpädagogische Konzepte der 1930er Jahre an und wird an sieben Universitäten, einer Hochschule, vier Kollegs sowie vier Höheren Schulen durchgeführt, auch hier sind bereits BA- und Magisterstudiengänge eingeführt. Hervor- zuheben sind die zahlreichen Kontakte mit auslän- dischen Hochschulen. Die Ausbildungslandschaft in Großbritannien ist recht unübersichtlich, Sozialarbeit kann an Kollegs (Fachhochschulen) und an Universitäten studiert werden, die Studiendauer variiert zwischen zwei und drei Jahren. Das Kurzzeitstudium schließt mit einem Diplom, das Universitätsstudium mit di- versen BA-Abschlüssen ab, so „Bachelor of Arts (BA) in Social Work and Sociology“, „Bachelor of Social Science“ (B.Soc.Sc.), „Bachelor in Social Work“ (B.S.W.) und andere. Die Ausbildung für Jugendarbeit, Pflege und Heimerziehung in Irland findet an Fach- und Fach- hochschulen statt, die der Sozialarbeiter ( Social Work und Youth and Community Work ) ausschließ- lich in sozialwissenschaftlichen BA-Studiengängen an drei Universitäten. Mitteleuropa Die Ausbildungssituation in Deutschland ist auch nach „Bologna“ differenziert geblieben. Die Grund- struktur von Fachschule, Fachhochschule und Uni- versität bleibt erhalten, Bachelor und Master an Fachhochschulen und Universitäten bilden eine „Quer-Struktur“. Der Bachelor an Fachhochschu- len dauert überwiegend sieben Semester, an den Universitäten sechs Semester. Die Fachschulen wer- den noch stärker „abgesetzt“, was bei der Erziehe- rInnenausbildung für den vorschulischen Bereich zu Verwerfungen führt, weil eine längere und ver- wissenschaftlichte Ausbildung gefordert wird. Die Debatte um Sozialarbeitswissenschaft ist abgeklun- gen, die stille Koexistenz mit der Sozialpädagogik dauert an; diese ist eine erziehungswissenschaftliche Disziplin geblieben. Die Heterogenität der Master- abschlüsse löst das disziplinäre Projekt einer Wis- senschaft der Sozialen Arbeit auf. In den Niederlanden wird für Soziale Berufe an rund 60 Hochschulen ausgebildet, der Studien- gang Sozialarbeit (Agogik) umfasst ein breiteres Spektrum sozialer Berufe: Kulturarbeit, Therapie, Care-Management, Sozialarbeit, Personalmanage- ment, Sozialrechtliche Beratung und Sozialpädago- gische Arbeit. Das Studium dauert vier Jahre, wo- bei das dritte Jahr als Praxisjahr in das Studium integriert ist, und schließt mit dem BA ab. Auf Universitätsebene besteht nur an der Universität Utrecht eine Professur. In Belgien findet eine grundständige Ausbildung an 23 Fachhochschulen statt, zwölf davon befinden sich in Flandern, elf in Wallonien. Jede Fachhoch- schule hat eine relative Autonomie, ihre eigene Tradition und ihre besonderen Ausbildungsschwer- punkte. Im Zuge des Bologna-Prozesses befinden sich in beiden Regionen die Ausbildungsgänge in der Umstrukturierung. In Flandern wurde im Aka- demischen Jahr 2004–2005 die Bachelor- und Masterstruktur eingeführt, sodass dort inzwischen ein akademischer Bachelor, ein beruflicher Bache- lor und ein akademischer Master erworben werden können. Luxemburg war bis vor Kurzem das einzige Land der EU, in dem es keine eigenständige Ausbildung für Sozialarbeit auf Fachhochschul- oder Univer- sitätsebene gab. Wer Sozialarbeit an einer Fach- hochschule oder Universität studieren wollte, tat dies in der Regel im benachbarten Ausland (Bel- gien, Frankreich, Deutschland). Durch die inzwi- schen erfolgte Einrichtung eines universitären Stu- diengangs erlebt die Ausbildung für Soziale Berufe momentan einen Reformprozess, der Funktion und Rolle aller im Sozialwesen angesiedelten Be- rufe neu definieren wird.

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=