Handbuch 5. Auflage
1240 Dewe · H.-U. Otto kontrolliert. In Abhängigkeit von der jeweiligen sozialen und politischen Kultur wird diese Kon- trolle öffentlich sanktioniert bzw. legitimiert, so dass die Grenzen zwischen Professionen und laien- haftem Publikum klar gezogen sind und die Pro- fessionen innerhalb der Gesellschaft Privilegien besitzen, so vor allem das der Selbstverwaltung und Autonomie. Darüber hinaus schließlich bestimmt die klassische Profession über die besonderen Dienstleistungen die Beziehungen zu ihrer Klien- tel. Die „old-established-professions“ waren in ho- hem Maße unabhängig, und es war typisch für sie, dass sie die Relevanzkriterien internalisierten, unter denen sie praktisch operierten. Infolgedessen ten- dierten sie dazu, sich von ihren jeweiligen Bezugs- gruppen in der Gesellschaft, d. h. ihren Adressaten, zu isolieren. Diese Isolierung oder relative Unab- hängigkeit erklärt zugleich ihre hochgradige Spe- zialisierung und die daraus folgende „Effizienz“ und „funktionale Autorität“ (Hartmann 1968). Theoriegeschichtlich bezeichnet auf dieser Ebene „Professionalisierung“ den Prozess, durch den in einer bestimmten historischen Phase der Moderni- sierung es bestimmten Berufsgruppen gelang, für die Ausübung ihrer Tätigkeit sich ein (staatlich) li- zensiertes Kompetenzmonopol und in der Folge eine Berufsdomäne zu sichern. Ihre mittels eines nicht jedermann zugänglichen (wissenschaftlichen) Wissens sowie spezifischer Methoden zu vollzie- hende Tätigkeit bezieht sich in der Regel auf die Durchsetzung und Erhaltung zentraler gesell- schaftlicher Werte wie Gesundheit, Gerechtigkeit, Sozialkonsens, Normalität der Persönlichkeit oder Bildung. Umso mehr bedarf die professionelle Au- tonomie, d. h. das Fehlen einer unmittelbaren so- zialen Kontrolle der professionellen Tätigkeit, der öffentlichen Legitimation (Abbott 1981; Bur- rage /Torstendahl 1990). Die Position der organi- sierten und abgesicherten Autonomie der Profes- sionen, zu der auch ihr Monopol bei der „Arbeit an Menschen“ und ihr besonderer Platz in der gesell- schaftlichen Sozialstruktur gehören, erlaubt es den Professionsmitgliedern, einen wichtigen Teil der sozial konstruierten Welt zu gestalten. In der struktur-funktionalistischen Professions- theorie wird unterstellt, dass sich die anerkannten Professionen die Legitimation historisch durch „Er- folge“ gesichert haben: Es ist ihnen gelungen, Klienten und Öffentlichkeit zu überzeugen, dass nur sie ihre spezifische Tätigkeit kompetent aus- üben können und nur die Profession selbst die Standards dieser Kompetenz festlegen kann. Das Ausschalten konkurrierender Berufsgruppen und das Fehlen einer Außenkontrolle der professionellen Tätigkeit ist, abgesehen vom Erfolg als Legitimati- onskriterium, zusätzlich legitimiert durch die Ver- pflichtung der Profession zur Selbstkontrolle. Die professionelle Ethik, die jeder Anwärter in seiner langen Ausbildung internalisieren soll, kollegiale Supervision und Konsultation sind als Elemente dieses Selbstkontrollsystems gedacht. Jedoch hat die kritische Diskussion des struktur-funktionalisti- schen Professionalisierungsmodells die makrotheo- retischen Schwächen und folglich auch weitrei- chendeneueProblemefürdiesozialwissenschaftliche Forschung formuliert: „Zunächst handelt es sich hier um eine idealtypische Konstruktion, die nicht hinreichend zwischen verschiede- nen Expertenberufen unterscheidet; [Jedoch] wichtiger ist, daß dieses funktionalistische Modell zwei elementare Anforderungen funktionaler Analyse vernachlässigt. Es sagt erstens wenig oder nichts darüber, was geschieht, wenn eine Berufsgruppe die Bedingungen des „Quasi- Vertrages“ nicht erfüllt. Mit anderen Worten: Die Mecha- nismen der Selbstregulierung werden nicht problematisch gemacht. Es gibt jedoch keinerlei empirische Grundlage für die Annahme, daß Autonomie, Ansehen und Einkom- men proportional mit der Intensität beruflicher Ideale, der Effizienz der Selbstkontrolle und der Integrität des beruf- lichen Verhaltens variieren. Vielmehr liegt als plausiblere Arbeitshypothese nahe, daß die materiellen und immate- riellen Privilegien der verschiedenen Berufe ein Ausdruck der Machtressourcen der jeweiligen Berufsgruppe sind, unter denen der geglaubte Anspruch auf ein moralisches Dienstleistungsideal allerdings oft eine nicht unwichtige Rolle spielt.“ (Rüschemeyer 1981, 108) Kritiker der strukturfunktionalistischen Sichtweise von Professionalisierungsvorgängen wie Freidson (1988) verstehen die Professionen als jene verberuf- lichten Tätigkeiten, denen es gelungen ist, sich Auto- nomie von Anforderungen anderer und einMonopol auf eine bestimmte Dienstleistung unter bestimmten sozial-historischen Umständen zu sichern. Die relevanten Dimensionen, die in der konventio- nellen Professionalisierungstheorie hervorgehoben wurden, um die bewegende Kraft hinter Professio- nalisierungsvorgängen identifizieren zu können, sind:
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