Handbuch 5. Auflage

1242 Dewe · H.-U. Otto  deln dieser Art orientiert sich also an Wissen und stützt sich dabei auf kognitive Standards (Brunk- horst 1992). Für die Wissenschaft nun ist nahelie- gend, sich selbst als höchsten Fall von Rationalität zu nehmen und dann im Rationalitätsbegriff ihre eigene Rationalität auf die übrige Gesellschaft zu projizieren (Ben-David 1976). Der professionell Handelnde ist in diesem idealtypischen Konzept „Vermittlungsinstanz“ zwischen sozialkulturellen und individuellen Wirklichkeitsinterpretationen und Werten. Hier zeigt sich, dass professionelle Tätigkeiten nicht mehr als untergeordnete Form ökonomischen Handelns begriffen werden. Es wird konstatiert, dass die Professionen in modernen Gesellschaften eine relativ eigenständige Hand- lungsstruktur ausgebildet haben (Marshall 1939; Parsons 1978). Professionelles Handeln ist – so be- trachtet – nicht primär „selbstorientiert“, sondern qua kollektiver Orientierung auf die Einhaltung von gesellschaftlichen und institutionellen Sinn- strukturen (Werten) sowie auf die Korrektur defizi- tären Handlungssinns gerichtet und erst sekundär effizienzorientiert an Tauschwert und Gewinn- maximierung gebunden. Wertrationalität bzw. Ra- tionalität als institutionalisiertes Wertmuster zu thematisieren, hat allerdings zur Folge, dass diese Art von Rationalität als gesellschaftliches Struktur- prinzip im Sinne eines Modus der Selbstbeziehung des Gesellschaftssystems verstanden werden muss (Brunkhorst 1992). In dieser Sichtweise benutzen Gesellschaftssysteme rationale Werte und Normen als Kontrollstandards, um Handlungszusammen- hänge in Richtung auf Konformität mit institutio- nalisierter Rationalität zu lenken. Professionelles Handeln begründet sich in der Folge als Durchsetzung eines gesellschaftlichen Entwick- lungspfades der Rationalität. Mit dem Experten- handeln sind stets auch Arrangements sozialer Kontrolle qua Verfügung über exklusive gesell- schaftliche Interpretationsrechte impliziert. Die funktionalistische Erklärung professionellen Han- delns wird allerdings dann brüchig, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, weshalb aus der Per- spektive einer Rationalisierung „soziale Kontrolle“ überhaupt zum Problem wird und aufgrund wel- cher gesellschaftlichen Zusammenhänge professio- nelles Handeln als Durchsetzung von Herrschaft gegenüber einer individualisierten Klientel auf der Grundlage begründeter Regelsysteme verstanden werden muss. In der funktionalistischen Analyse bleibt offensichtlich unberücksichtigt, dass „Exper- ten“ für soziale Handlungsprobleme ihre Legitima- tion auf eine generalisierte Akzeptanz hierarchisch strukturierter Organisationen stützen, an deren Macht sie partizipieren. In Absetzung von den vor- gestellten affirmativen und / oder normativen Fas- sungen des Professionalisierungsproblems hätte demgegenüber eine zeitgemäße Analyse die Ver- knüpfung des professionellen Handelns mit den Grundstrukturen der aufkommenden Wissensge- sellschaft herauszuarbeiten. Eine derartige Analyse hätte zugleich der Versuchung zu widerstehen, die Problematik des professionellen Handelns zu ver- einseitigen: weder im Sinne einer Renaissance des Konzepts der „old-established-professions“ noch in Richtung auf eine Ineinssetzung von Professionali- tät / Professionswissen mit bügerschaftlichem bzw. ehrenamtlichem Handeln samt dem hier typischen Erfahrungswissen. Als Wissensbasis im Sinne eines modernen Professionswissens könnte folglich also nur solches Wissen gelten, welches zwar nach wis- senschaftlichen und im Praxiszusammenhang des Klienten / Adressaten selbst enthaltenen Rationali- tätsgründen und Relevanzkriterien erzeugt ist, aber deren bisherigen Aktionsradius transzendiert. Literatur Abbott, A. (1988): The System of Professions. An Essay on the Division of Expert Labour. University Of Chicago Press, Chicago/London – (1981): Status and Status Strain in the Professions. Ameri- can Journal of Sociology 86, 819–835 Alisch, L.-M., Rössner, L. (Hrsg.) (1980): Zentrale Aspekte der Soziotherapie. Braunschweiger Studien zur Erziehungs- und Sozialarbeitswissenschaft. Bd. 2. Rössner, Braun- schweig Apel, H.J., Horn, K.-P., Lundgreen P., Sandfuchs, U. (Hrsg.) (1999): Professionalisierung pädagogischer Berufe im his- torischen Prozeß. Klinkhardt, Bad Heilbrunn Austin, M.J. (1978): Professionals and Paraprofessionals. Human Sciences Press, New York Baecker, D. (1994): Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft. Zeitschrift für Soziologie 23, 93–110 Becker-Lenz, R. (2005): Das Arbeitsbündnis als Fundament professionellen Handelns. Aspekte des Strukturdilemmas

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