Handbuch 5. Auflage

Professionalität 1247 Deutungs- und Handlungskompetenz des profes- sionellen Praktikers. Zwar ist der Professionelle in der Regel ein wissenschaftlich ausgebildeter Prakti- ker, aber Professionalität, die sich auf Expertentum beschränkt, unterliegt der Gefahr der Szientifizie- rung und Technokratisierung der Beziehung zum Klienten. Für professionalisiertes Handeln ist nicht wissenschaftsbasierte Kompetenz als solche konsti- tutiv, sondern vielmehr die jeweils situativ aufzu­ bringende Fähigkeit und Bereitschaft, einen lebens- praktischen Problemfall kommunikativ auszulegen, indem soziale Verursachungen rekonstruiert wer- den, um dem Klienten aufgeklärte Begründungen für selbst zu verantwortende lebenspraktische Ent- scheidungen anzubieten und subjektive Hand- lungsmöglichkeiten zu steigern. Betont man wie etwa Oevermann (1996; 1997) dieses zweite Krite- rium, dann agiert der professionelle Praktiker zwar im Rahmen eines auf „kognitive Rationalität“ ge- gründeten Wissens, doch ist dabei seine hermeneu- tische Kompetenz das „Medium“, in dem Ersteres überhaupt problemorientiert wirksam werden kann, ohne die – im Grenzfall lediglich kontrafaktisch zu unterstellende – Autonomie des lebenspraktischen Entscheidungshandelns des Klienten aufzuheben. In jeder professionellen Handlungssituation ist un- weigerlich der Widerspruch zwischen Theorie­ verstehen und „hermeneutischem Fallverstehen“ (Oevermann 1997) auszuhalten. Nach Oevermann (1996) lassen sich die Unterschiede und Gemein- samkeiten zwischen pädagogischen und nicht-päd- agogischen Professionen nur erkennen, wenn die Frage nach der Professionalisierung auf einer abs- trakten Stufe professionellen Handelns angesiedelt und zugleich auf die materiale Problemstellung der pädagogischen Tätigkeit bezogen wird. Dann – so die These Oevermanns – zeige sich die für pädago- gisches Handeln konstitutive Bedeutung der Inter- aktion, die über bloße Wissens- und Normenver- mittlung hinausgehe (vgl. Oevermann 1997). Für uns liegt ein entscheidender Anknüpfungspunkt in der Oevermannschen Theorie in der Betonung des Erzeugungszusammenhangs des Neuen (auch eines neuen Wissens /Handelns) in der Interaktion mit dem Klienten. Dies umfasst die Metamorphose des Wissens in der Aushandlung; die Aushandlung selbst muss als reflexive Emergenzebene betrachtet werden, die situativ, individuell angemessene und wirksame (im pragmatischen Sinne) Deutungen und Handlungsweisen hervorbringt. Es geht somit in der professionellen sozialpädagogi- schen Interaktion stets um die Wiederherstellung bzw. Vermittlung einer Kompetenz, die der Klient bereits unterschwellig besitzt bzw. schon einmal inne hatte. In einer so verstandenen professionali- sierten Tätigkeit sind partikularistische und affek- tive Handlungselemente verbunden mit Interak­ tionselementen, die universalistisch und spezifisch orientiert sind. Für kompetentes professionelles Handeln ist „die hermeneutische Kompetenz des Verstehens eines ‚Falles‘ also etwa… eines Rechts- problems oder eines Sinnproblems ‚in der Sprache des Falles selbst‘ (konstitutiv)“ (Burkart 1982, 58). Die hier in Rede stehende professionelle Hand- lungskompetenz ist folglich „nicht auf Wissen, Techniken und normative Orientierungen be- schränkt“ (58), sondern sie thematisiert in der Fi- gur des professionalisierten Handelns die prekäre Nahtstelle von „gesellschaftlichemWertsystem und Individuum“ genau dort, wo „Konflikte im Wert- bereich auftauchen“ (58). Die erwähnte kommuni- kative Kompetenz des Professionellen impliziert mithin ein deutendes Verstehen, welches im kras- sen Gegensatz zu technisch inspirierten Vorstel- lungen eines Transfers von erprobten Lösungen steht sowie zu Konzepten unmittelbarer Überset- zung von Alltagskompetenz in Expertise. Struk- turale und hermeneutisch orientierte Professionali- sierungstheorien (u. a. Wagner 1998) heben die professionelle Aufgabe hervor, die Notempfindun- gen und Hilfestellungen der Klienten im Rahmen von deren Plausibilitäten zu interpretieren und auf Grund solcher Interpretationen in Kommunika- tion mit ihnen „richtige“, d. h. stets auch emotional ertragbare Begründungen für praktische Bewälti- gungsstrategien zu entwickeln. Dies erfordere eine situative Öffnung der Sozialen Arbeit, nicht um den Alltag ihrer Klienten zu reproduzieren, sondern vielmehr um die Blockierungszusammenhänge des Alltags als solche zu erkennen und Handlungsalter- nativen aufzuzeigen. Im Gegensatz zu Konzeptio- nen, die den Fallbegriff im Sinne einer klinischen Einzelfallorientierung (Oevermann 1999) verste- hen, wird hier der Fallbegriff im Sinne einer rekon- struktiven sozialwissenschaftlichen Kategorie (Luh- mann 1993) benutzt. Insofern sind Falldarstellung, -geschichte, -bericht und -rekonstruktion nicht auf die jeweilige Person (eines Klienten) in ihrer indivi- duellen Existenz, also nicht auf den Einzelfall als solchen bezogen, sondern orientieren sich im

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