Handbuch 5. Auflage
1248 Dewe · H.-U. Otto Gegensatz zur klassischen casework an den sozialen Kontexten und Konstellationen, unter denen Indi- viduen leben, und nimmt in dieser Perspektive Fa- milien, sonstige Primärgruppen, Organisationen wie Schulen, Betriebe, Kliniken etc. in den Blick. Die Beantwortung der beiden Fragen „Was ist der Fall?“ und „Was steckt dahinter?“ (Luhmann 1993, 245) in der Handlungspraxis Sozialer Arbeit ist stets auf die Verpflichtung zur Kontextualisierung (Dewe /Otto 1996b) verwiesen. Insofern geht pro- fessionelle Soziale Arbeit in ihren Falldeutungen über die intrapersonalen, individualspezifischen und partikularen Orientierungen des einzelnen Klienten hinaus. Die bereits erwähnte Unterscheidung zwischen dem „Experten“ und dem „Laien“ liegt im Kern darin, dass es sich in der Kommunikation zwischen beiden stets um Handlungssituationen dreht, in denen die zugemutete Handlungskompetenz nicht identisch ist mit der routinisierten Wissenskom- ponente , d. h., dass der Professionelle die Spannung zwischen Wissen und Nichtwissen handelnd be- wältigen muss. Professionelles Handeln beinhaltet systematisch stets Kompetenzanteile, die über die Wissenskomponente hinausgehen. Auf den damit verbundenen Vorgang der Relationierung wird noch eingegangen (auch Köngeter 2009). Hierbei gilt, dass der Fallbezug professioneller Sozialer Ar- beit nur solche Fälle umfasst – unabhängig davon, ob es sich um mikrologische, dialogisch struktu- rierte Interaktionskontexte, lebensweltliche Krisen, sozialbiographische Verläufe oder kommunale Strukturprobleme handelt –, die vorgefallen sind und sich insofern einer professionellen Rekon- struktion und Kontextualisierung im gesellschaftli- chen Zusammenhang erst öffnen. Soziale Arbeit als moderne Dienstleistungsprofession Bereits Marshall (1939) reflektierte einen sozialen Prozess, der dadurch gekennzeichnet ist, dass pro- fessionelle soziale Dienstleistungen zunehmend an Relevanz gewinnen, wobei diese professionalisier- ten, personenbezogenen sozialen Dienstleistungs- tätigkeiten einer eigenen Handlungslogik folgen. Diese zunehmende Bedeutung der professionali- sierten Handlungsstruktur bezieht, so Marshall, Unterstützung aus der wachsenden Nachfrage nach bildungsqualifizierten Dienstleistungen, der Ent- wicklung neuer Dienstleistungsberufe sowie aus dem Umstand, dass der Anteil unmittelbar markt- abhängiger Arbeitstätigkeit ständig rückläufig ist. Sah Parsons (1968; 1978) den Gegensatz von uti- litaristischemmarktorientiertem erwerbswirtschaft- lichem Arbeitshandeln und den neu aufkommen- den Dienstleistungstätigkeiten als eher gering an und betrachtete die professionelle Handlungsstruk- tur lediglich als Ausdruck differenter institutionel- ler Arrangements, so ging Marshall davon aus, dass der Gegensatz von utilitaristischem Arbeitshandeln und professionellem Dienstleistungshandeln als Ausdruck einer neuartigen gesellschaftlichen Ent- wicklung zu werten sei. Auf wirtschaftliches Ge- winnstreben abzielendes ökonomisches Handeln einerseits und professionelles, personenbezogenes, fallorientiertes Dienstleistungshandeln andererseits werden hier als Phänomene gegensätzlicher Moti- vation betrachtet. Bei den Professionen handelt es sich bei näherer Betrachtung um eine spezifische Form wissenschaftsbasierter, kommunikativer Hilfe und Intervention, die typischerweise die institutio- nalisierten Ausprägungen Beratung , Bildung und Therapie annehmen kann (Dewe / Schaeffer 2006). Professionalisiertes Handeln als eine Form kom- munikativer Hilfe bietet Antworten auf im alltäg- lichen Interaktionsfluss nicht behebbare Regeldefi- zite an und hält soziale Unterstützungsleistungen für die Bewältigung problematisch gewordener, aber auch prinzipiell bedrohter subjektiver Wirk- lichkeit bereit. Professionelle Interventionen sind darauf spezialisiert, an konkreten Handlungspro- blemen akut gewordene Deutungsbedürfnisse und Handlungsprobleme ihrer Klienten etwa bezüglich ihres Erziehungsverhaltens, ihrer Rechtsauffassung, ihrer Gesundheitsvorstellungen etc. kontextspezi- fisch zu bearbeiten. Damit ist die gegenüber utilitaristischem Arbeits- handeln wie auch bürokratischem Verwaltungs- handeln alternative Handlungsstruktur angespro- chen, die im stärkeren Maße Eigenschaften wie Deutungs- und Kommunikationskompetenz, her- meneutisches Fallverstehen und Empathie ein- schließt. „Die Tätigkeiten des Lehrens, Heilens, Planens, Organisie- rens,Vermittelns, Kontrollierens, […] Beratens usw. – oder allgemeiner gesprochen: Die Abwehr, Absorption und ‚Verarbeitung‘ von Risiken und Normalitätsabweichun-
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