Handbuch 5. Auflage

1250 Dewe · H.-U. Otto  Sicherung von Rationalitätsstandards im berufs- praktischen Handeln verbürgen, wie ihn konven- tionelle Professionalisierungsprotagonisten vor Augen haben. Dieser Sachverhalt spiegelt sich u. a. in der Differenz zwischen dem prinzipiellen An- spruch professionellenWissens auf rationale Problem- lösungen im sozialen Dienstleistungsbereich und dem faktischen , in die situativen Aushandlungspro- zesse zwischen Professionellen und ihrer Klientel eingelassenen Arbeitswissen . Diese Differenz zwi- schen generalisierten Problemlösungsangeboten der helfenden Berufe und den lebenspraktischen Perspektiven der Betroffenen, die häufig Unzufrie- denheit mit den angebotenen Leistungen offen- baren, ist unter den Bedingungen konventioneller Handlungsmuster systematisch unüberbrückbar. Kernelement einer reflexiven Professionalität ist das, was demokratische Rationalität  – im Gegensatz zu bloß wirtschaftlicher oder verabsolutierter ko- gnitiver Rationalität – genannt werden kann (Dewe /Otto 1996a). Die gegenwärtige steuerungs- theoretische Debatte über Organisationen im „Dritten Sektor“ zwischen Markt und Staat ist da- rüber hinaus wegen des Verzichts auf die kritische Auseinandersetzung mit dem professionellen Selbstverständnis der im personenbezogenen Dienstleistungssektor beruflich Handelnden als verkürzt zu betrachten. Aus systematischer Sicht scheint eine optimale Abstimmung der Hand- lungsperspektive darin zu liegen, dass statt einer unbestimmt bleibenden „Klientenorientierung“ die Notwendigkeit zur politischen Partizipation der Klienten bei der Herstellung der Dienstleis- tung sowie die professionelle Selbstreflexion des Handelns wahrgenommen wird. Eine relative Au- tonomie der professionellen Tätigkeit bei Sicher- stellung einer diesbezüglichen Mindeststruktur im demokratisch-rationalitätstheoretischen Verständ- nis erfordert eine immer wieder stattfindende Rückbindung professioneller Praxis an die Rechte und Interessen der Klienten der Dienstleistungs- angebote und an die gesellschaftlichen Prozesse, auf die sich ihre Intervention bezieht. In der Pro- fessionsforschung wird dieser Zusammenhang seit einigen Jahren unter den Stichworten „Verlust der Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft des Ex- perten“ diskutiert (etwa Hitzler et al. 1994) und veranlasst zu einer Kritik an dem bisherigen Kon- zept kognitiv-bürokratischer Rationalität der Pro- fessionen mit ihrer Vorstellung von einer „funk- tionalen Autorität“ (Dewe /Otto 1996a). In der Folge scheint eine, aber nicht hinreichende Not- wendigkeit darin zu bestehen, die Anwendung von wissenschaftlich strukturierten Problemdeutungen im professionellen Handeln über gezieltes und ef- fektiveres „Anknüpfen“ an den Erfahrungen, Mei- nungen und Wünschen der Klienten künftig in mehr sozial akzeptierter Weise möglich werden zu lassen. Der angesprochene Zusammenhang findet aber erst einen angemessenen Ausdruck in der Be- mühung, wissenschaftlich basierte Deutungen der Professionellen in den sozialen unmittelbar per- sonenbezogenen Dienstleistungsberufen jenseits rein betriebswirtschaftlicher Kosten-Nutzen-Vor- stellungen gezielt mit dem Problem der demokra- tisch-partizipatorischen Rückbeziehung professio- nellen Wissens auf das Handlungswissen der Klienten zu konfrontieren. Die Klienten Sozialer Arbeit haben sich inzwischen von reinenWeisungs- und Ratschlagskonsumenten zu „klugen“ Nutzern von (widersprüchlichen) Expertisen und Dienst- leistungen gewandelt. In professionstheoretischer Perspektive geht es zukünftig vor allen Dingen um die Entwicklung eines partizipatorisch-demokra- tisch korrigierten Professionsverständnisses (z. B. öffentliche Kontrolle als soziales Bürgerrecht) an- gesichts der gegenwärtig immer lauter werdenden Forderungen nach einer Effektivierung rigider öko- nomischer Nutzenkalküle des beruflichen Han- delns im sozialen Dienstleistungssektor. In diesem Prozess begreift sich der reflexiv gewordene Profes- sionelle als ein „relational“ Handelnder, eine Sozi- alfigur, die einerseits in Relation zum Klienten steht, die aber andererseits im Zweifelsfall auch in Relation zum Entscheidungsträger steht. Im Hin- blick auf auch als politisch definierbare Interakti- onskonstellationen (Beck 1993) gewinnt dieser Professionelle dadurch im Idealfall die Position ei- nes „Dritten“, der etwas anderes ist als nur ein Spezialist, welcher typischerweise eben davon lebt, bestimmte, begrenzte Problemlösungen besser als andere zu beherrschen. Die Aufnahme professionskritischer und demo- kratietheoretischer Argumente in die gegenwärtige Diskussion eröffnet aber eine Fülle von Perspekti- ven: Angezielt wird in diesem Zusammenhang eine demokratisch legitimierte, reflexive Professio- nalität als tatsächlich relevante Voraussetzung für mehr Effektivität und Qualität der personalisierten sozialen Dienstleistung. Dies setzt professionelle

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