Handbuch 5. Auflage
1252 Dewe · H.-U. Otto Entscheidungen zwingt und andererseits durch Re- flexion zu richtigen Maßnahmen verhilft. Man er- wirbt es zuallererst auf dem Wege des berufsförmi- gen Vollzugs dieser Tätigkeiten im Sinne der Routinisierung und Habitualisierung, d. h. durch Eintritt in eine kollektiv gültig gemachte Praxis als Verfahren. Jeder in der Sozialen Arbeit professio- nell zu bearbeitende Fall ist zwingend anders bzw. neu zu kontextualisieren, das zugrunde liegende Verfahren – als Reflexionszusammenhang – ist aber stets das gleiche. Mittels Fallrekonstruktion und wissenschaftlicher Reflexion wird der Alltag des Klienten bzw. ein Problemzusammenhang gewis- sermaßen dekomponiert, wobei im Prozess der Relationierung von Wissens- und Urteilsformen das „Neue“ in Gestalt einer handhabbaren und leb- baren Problembearbeitung / -lösung gemeinsam hervorgebracht wird. Darin besteht das „Konstrukti- onsprinzip“ reflexiver Professionalität. Genau hier liegen auch die Grenzen unmittelbaren Wissens- transfers, der der Logik der tradierten substantialis- tischen Professionalisierungsvorstellungen folgt. Die eingangs angesprochene Prozesskompetenz im professionellen Handeln zielt demgegenüber auf Wissensverwendung und Reflexionspraxis qua Ver- fahren. Sofern Professionalität in der Relationie- rung zweier differenter Wissens- und Handlungs- sphären aufgeht, wozu wiederumDistanz vonnöten ist, bezeichnet (Selbst-)Reflexivität im Sinne der Steigerung des Handlungswissens zum jederzeit verfügbaren Wissen darüber, was man tut, eine zentrale Komponente in der professionellen Arbeit von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen. Es zeigt sich, dass der Weg zu einer ebenso akademisch an- spruchsvollen wie ideologiearmen, qualitativ-em- pirisch grundgelegten Debatte über professionelles Handeln in der Praxis der Sozialen Arbeit noch nicht an sein Ende gekommen ist. Doch sind mit dem Theorem der demokratischen Rationalität und dem Verfahren der Relationierung von Wis- sens- und Urteilsformen die Grundstrukturen eines neuen Typs unmittelbar personenbezogenen, dienstleistungsorientierten Professionshandelns re- konstruiert. Als Ergebnis der vorgestellten Analyse der professionellen Handlungsbedingungen und -anforderungen in der Sozialen Arbeit zeigt sich, dass sich die Konturen einer reflexionsbasierten Professionalität abzeichnen, die im Folgenden einer Spezifizierung unterzogen wird. Perspektiven eines reflexiven Professionalitätsverständnisses Eine zukünftig aussichtsreiche Position lässt sich unseres Erachtens nach nur in einer reflexiven Pro- fessionalität erblicken, die den genetischen Zu- sammenhang zwischen beruflicher Identitätskon- stitution, Krise und professionellem Handeln als Strukturmerkmal einer sich auch – und jetzt erst recht – professionalisierungstheoretisch rekonstru- ierten gesellschaftlichen Praxis berücksichtigt. Reflexivität wird hier als Grundcharakteristikum professioneller Handlungskompetenz verstanden. Doch die Problematik besteht darin, dass diese Erkenntnis als solche in Gefahr steht, zu kurz zu greifen. In bereits vorliegenden Arbeiten (Dewe 2009; Dewe /Otto 2010) haben wir betont, dass dem Können des Professionellen Reflexivität situativ ab- verlangt wird, wobei die berufliche Selbstreflexion als wesentlicher Bestandteil professionellen Han- delns zu werten ist. Dieser strukturelle Tatbestand ist schärfer profilie- rend vom allgemeinen Reflexivitätsjargon ab- zugrenzen. Dies bedeutet zunächst, von folgender Differenzierung auszugehen. Reflexivität äußert sich auf zwei Ebenen sozialen Handelns: Reflexivität als Personenmerkmal, d.h. als Steige- 1. rungsformel im Sinne einer Reflexivität als confes- sion-culture (also einer Bekenntnisstruktur bzw. ei- ner berufsbiographischen Selbstvergewisserung), und Reflexivität als organisatorische Struktur, d.h. als 2. Verfügbarkeit dessen, was der einzelne pädago- gisch Handelnde sich in eben diesem beruflichen Handeln zuschreibt, aber mit der Schaffung orga- nisatorischer Strukturen korrespondiert (Kla- tetzki /Tacke 2005). In einer sehr instruktiven Studie zum Thema Pro- fessionalität und der Rolle von Reflexivität hat Gensicke (1998) darauf aufmerksam gemacht, dass professionelles Handeln sich „in einem sozialen Handlungsraum vollzieht, der die Kompetenzen des Professionellen den gesteigerten Not- wendigkeiten der Relativierung und Relationierung der eigenen Handlungsorientierung aussetzt. Das Wissen des Sozialarbeiters muss seine Robustheit an einer sozialen
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