Handbuch 5. Auflage
Professionalität 1253 Topik beweisen, die die reflexive Steigerung des verfüg- baren Handlungswissens zunächst jedem Adressaten der Sozialarbeit [H. d. V.] als kulturelle Selbstverständlichkeit abverlangt.“ (107) Konstitutiv erscheint für unser professionstheo- retisches Konzept der Sachverhalt, dass es sich gleichsam um eine „Reflexivität zweiter Ordnung“ handelt: mit anderen Worten, um das unentbehr- lich reflexive professionelle Können des Sozial- arbeiters als beruflich Handelnder in einer funk- tional differenzierten reflexiven Lebenspraxis. Wir haben verschiedentlich darauf hingewiesen, dass sich in der von Beck et al. (2007) thematisierten reflexiven Modernisierung und ihren Anforderun- gen an jedermann das Reflexivitätspotenzial von beruflich Handelnden in der Sozialen Arbeit noch nicht erschöpft. Als reflexiv könnte aber Professionalität gelten, die sich über die Konstitutionsbedingungen des beruf- lichen Handlungskontextes und in ihm wiederum relevanten Logiken vergewissert, welche eine Bi- polarität von Referenzsystemen und dem Bezug- nehmen auf disparate Rationalitäten mit sich bringt. Dies auch deshalb, da professionelles Han- deln sich in strukturellen Koppelungen bewegt, welche wiederum in verstärktem Maße Phänome- nen von Modernisierungsprozessen geschuldet sind und im Zuge einer reflexiven Moderne zu Proble- men zweiter Ordnung werden (Beck 1993; Beck et al. 2007). Die reflexive Professionalität würde dergestalt im Modus der Beobachtung zweiter Ordnung operieren, in dem sie sich über die le- benspraktischen Beobachtungen reflexive Beob achtungen verschafft und durch eine Reflexionsstei gerung in Form einer bewussten Selbstbegrenzung relationierend zwischen Wahrheit (Regelanwen- dung) und Angemessenheit (Fallverstehen) chan- giert. Professionstheoretisch betrachtet gibt es nicht bloß eine Form richtigen Handelns, sondern es geht um die situativ angemessene Partizipation an gesell- schaftlich-historisch je verfügbaren bzw. durchsetz- baren Bildungsmöglichkeiten. In der Sozialen Ar- beit ist erfolgreiches Handeln also an das Vermögen gebunden, Wissen fallspezifisch und in je besonde- ren Kontexten zu mobilisieren, zu generieren und differente Wissensinhalte und Wissensformen rela- tional aufeinander zu beziehen. Es ist weiter an die organisationsstrukturell verankerte Befähigung ge- bunden, in Interaktionen mit den Adressaten eine Verständigung zu erzielen und zu klären, was aus der Sicht der Adressaten eine angemessene Unter- stützung ihrer Lebensinteressen sein könnte (Albus et al. 2010). Die besondere professionelle Handlungslogik, die in diesen Kontext wirksam wird, generiert ein pro- fessionelles Wissen, das seinerseits eine aufgaben- spezifische Reflexivität zum funktional notwendigen Bestandteil hat. In die symbolische Reproduktion substantieller Lebensweltzusammenhänge wird in der Perspektive subjektiver Erfahrungs- und Inter- pretationsmuster der kontinuierliche Vollzug einer mitlaufenden Selbstbeobachtung eingelassen (Gen- sicke 1998). Zusammenfassend lässt sich feststellen: Professio- nalität materialisiert sich im Fallbezug als ein nur situativ herstellbarer Aggregatszustand sozialen Handelns und weist drei Qualitätsmodi auf. Den analytischen Qualitätsmodus, 1. Relationierung genannt: Er verweist auf den generellen Hand- lungsbezug, der als professionelle Rationalität das wissenschaftliche Wissen, das berufspraktische Können und die alltagspraktischen Erfahrungen systematisch in Relation setzt. Während wissen- schaftliches Wissen der Logik der Überprüfbarkeit, größtmöglicher Objektivität und Wahrheit unter- liegt, ist berufspraktisches und Alltagswissen hier der Logik der Praktikabilität, des Erfolgs bzw. einer interessen- und ressourcenbedingter Angemessen- heit verpflichtet (Peters 2010). Eine weitere Ebene in der Anwendung des Prinzips der Relationierung besteht in einem dialogischen Austausch zwischen professionellemWissen und klientelen Erfahrungs- und Deutungswissen im Rahmen fallbezogener Ar- beitsroutine. Den systematischen Qualitätsmodus, 2. Reflexivität genannt: Reflexivität als methodische Anwen- dungsdimension eines fallspezifischen Relationie- rens gibt in dieser Hinsicht Auskunft über den er- reichtenbzw.erreichbarenGradvonProfessionalität, die als flüchtiger Aggregatzustand immer erneut herzustellen ist. Über ein approximatives Wirklich- keitsmodell im Rahmen eines teilhabesichernden Diskurses zeigt sich in dem jeweiligen Problem- zusammenhang die Qualität einer stellvertretenden Bearbeitung als Ausweis von neuen Handlungs- möglichkeiten (Emergenz) in Verbindung mit Auto- nomiegewinn und Selbstentfaltungsmöglichkeiten
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