Handbuch 5. Auflage

1260 Bois · Ide-Schwarz  wird (Stiefel 2002, 60). Diese Diskussionen wer- den bisweilen so geführt, als handele es sich um Erstanfragen. Ressourcenorientierung im Sozialraum Aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht emp- fiehlt sich im Anschluss an die stationäre Behand- lung eines psychisch kranken Kindes oft eine voll- stationäre Erziehungshilfe in einer therapeutisch besonders qualifizierten Einrichtung. Diese liegt bedauerlicher Weise meist außerhalb des zuständi- gen Sozialraumes. Aus Sicht der Erziehungshilfen wird hingegen eine flexible Erziehungshilfe – eine Kombination gruppenpädagogischer Angebote mit zugehenden ambulanten Hilfen für die Fami- lie – bevorzugt. Diese soll die Stärken von Familie und Umfeld aufgreifen und die Familie durch ge- zielte Interventionen stabilisieren. Unter ressourcenorientierter Perspektive steht der Vorschlag der Klinik in einem dürftigen Licht. Er bedient das Vorurteil, die Kinder- und Jugendpsy- chiatrie sei unverändert „defizitorientiert“, traue dem Patienten kaum Selbstverantwortung zu und sehe in den Familien nur deren Schwächen. Die Klinik wolle „auf Nummer sicher“ gehen, Rück- fälle vermeiden und ein quasi stationäres Angebot fortschreiben. In der Tat können sich die Kliniker in bestimmten Fällen zur weiteren Stabilisierung und zum Schutz vor Rückfällen nur einen großen räumlichen Abstand vom Herkunftsmilieu vor- stellen. Abkehr vom ressourcenorientierten Denken prak- tiziert die Kinder- und Jugendpsychiatrie auch bei psychisch kranken Eltern. Sozialpsychiatrische Dienste in der Erwachsenenpsychiatrie hingegen sehen Chancen gelegentlich darin, psychisch Kranke durch Betonung ihrer Elternrolle zu akti- vieren. Sie werten das Kind dabei gewissermaßen als Ressource. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie hingegen sieht die Gefahr, dass ein Kind durch psychisch kranke Eltern vernachlässigt oder psy- chisch traumatisiert werden könnte. Deutlich werden soll hier, dass mit dem Schlag- wort „Ressourcenorientierung“ zunächst nur die Komplexität der Betrachtung erhöht wird, nicht jedoch schon die bessere Qualität einer Lösung er- reicht ist. Betrachtet werden müssen vor allem die konkreten Strukturen, in denen Ressourcenorien- tierung heute ausgehandelt und umgesetzt, also professionell „gelebt“ werden. In der Praxis sozial- räumlicher Erziehungshilfen, d. h. in „Erziehungs- hilfestationen“, „Kinder- und Familienzentren“ und „Stadtteilteams“ wird die Betrachtung der Ressourcen naturgemäß häufiger handlungsleitend als in der Praxis psychiatrischer Kliniken. Regionalisierung Das Anliegen der Regionalisierung bleibt auch in der psychiatrischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen eminent wichtig, stößt hier allerdings an Grenzen, weil die Zahlen speziell zu versorgen- der Jugendlicher – auf eine einzelne Region bezo- gen – zu gering sind. Spezialeinrichtungen für psy- chiatrische Patienten orientieren sich aufgrund der geringen Fallzahlen unweigerlich an einem über- regionalen Bedarf und liegen außerhalb des zu- ständigen Sozialraumes. In einer strikt nach Sozial- räumen ausgerichteten Planung stellt sich daher die Frage, in welchem Umfang Spezialisierungen überhaupt noch zulässig sind und ob, wenn man sich der Spezialisierung wieder nähert, Verbundlö- sungen aus mehreren Sozialräumen geschaffen werden müssen, damit sie wirtschaftlich über- lebensfähig sind. Ambulant vor stationär In der psychiatrischen Krankenversorgung und in der Jugendhilfe haben ambulante Hilfen gegenüber stationären Hilfen den Vorrang. Die ambulante Ju- gendhilfe will sich an unterschiedliche Lebenswel- ten ihrer Nutzer möglichst gut anschmiegen. Vor- handene Ressourcen sollen in dieHilfen angemessen einfließen können. Der ergänzende Bedarf soll fle- xibel von Fall zu Fall ausgehandelt und eingefloch- ten werden. Die Erziehungshilfe will nicht mehr auf das fest gefügte Spektrum der Hilfen zurück- greifen, das im SGB VIII ausgewiesen ist. Die „Ver- säulung“ der Trägerlandschaft soll überwunden werden. Es werden Mischformen angestrebt. Mit großer Aufmerksamkeit werden diese Entwicklun- gen von den medizinischen Partnern zur Kenntnis genommen und in ihren positiven und negativen Auswirkungen beobachtet. Positiv wird gesehen,

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=