Handbuch 5. Auflage

1272 Dörr  „Übertragung und Gegenübertragung“ ■ ■ : „Gegen- übertragung ist der durch die Übertragung des an- deren spezifisch aktualisierte Anteil eigener Über- tragungsbereitschaften“ (Muck 1978, 217) und kann – bewusst wahrgenommen – als Zugang zu den inneren Konflikten der AdressatInnen genutzt werden. „Wiederholungszwang“ ■ ■ : bezeichnet den unbe- wussten Prozess, mit dem das Subjekt ehemals schmerzhafte, peinliche und / oder traumatische Er- lebnisse, zum eigenen psychischen Überleben, aus der bewussten symbolischen Kommunikation aus- schließen musste (Verdrängung / Sprachzerstörung, Lorenzer 1970). Die so verstümmelten Erlebnis- figuren wiederholen sich aber (reiz-reaktiv) in den Interaktionen mit aktuellen Beziehungsfiguren. Das Subjekt bringt sich und sein Gegenüber schein- bar aktiv in ähnliche unangenehme Situationen und wiederholt so alte Erfahrungen ohne sich des Vorbilds zu erinnern. „Szenisches Verstehen“ ■ ■ : bezeichnet die besondere Hermeneutik – die Tiefenhermeneutik – der Psy- choanalyse. Damit ist das Verstehen eines beson- deren Verhältnisses gemeint und zwar das zwi- schen den Beteiligten in der sozialen Situation. Das szenische Verstehen bedient sich zwangsläufig auch des logischen und psychologischen Verste- hens, geht aber darüber hinaus, da es zum Ziel hat, die aus der Kommunikation ausgeschlossenen Pra- xisfiguren (durch Aufspaltung des Sprachspiels: Verdrängung) zu rekonstruieren und darüber die beschädigte Lebenspraxis des leidenden Subjektes aufzuheben. Dies geschieht über ein emotionales Sich-einlassen der Professionellen auf die gemein- sam hergestellten Interaktionen (Szenen), die Pro- duktion von Assoziationen und Irritationen über die Situation mittels einer Haltung der gleichschwe­ benden Aufmerksamkeit, sowie die Wahrnehmung und Deutung von Strukturübereinstimmungen zwi- schen den verschiedenen lebenspraktischen Sze- nen (Lorenzer 1970; Würker 2007). „Containment“ ■ ■ : (Bion 1963 / 1992) bedeutet, dass sich die Mutter (Professionelle) zur Verfügung stellt, um „ die noch nicht bewussten und (noch) unintegrierbaren Affekte und Empfindungen des Säuglings (z.B. Wut und Angst) eine Zeitlang in sich zu bewahren, in sich stellvertretend zu verarbeiten, um so das Kind vor einem Überflutetwerden von seinen Affekten zu schützen und ihm ein Gefühl der Kontinuität seiner Existenz in Beziehung zu sei- ner Umwelt zu ermöglichen.“ (Trescher / Finger-Trescher 1992, 94). Die Erfahrung hinreichenden Containments befähigt das Subjekt, selbst ein hal- tender, abschließender Container zu sein. „Mentalisierung“ ■ ■ : (Fonagy et al. 2004) formuliert ein integratives Verständnis von Affektregulierung, wodurch das komplexe Zusammenspiel von Kogni- tion und Affekt besser verständlich wird. Hierzu zählt 1. die Fähigkeit, über eigene und fremde mentale Zustände nachzudenken, ohne dass diese unmittelbar mit Handlungen verbunden sein müs- sen; 2. sich selbst und wichtige Bezugspersonen als durch Bedürfnisse und Wünsche motiviert und durch Erwartungen und Überzeugungen beein- flusst wahrzunehmen; 3. Hypothesen über mentale Zustände oder Motive anderer Personen zu bilden und die Affekte anderer zu entschlüsseln; 4. sich empathisch in die Affektwelt anderer Menschen hineinzuversetzen und dieWelt aus deren Perspek- tive zu betrachten (Empathie); 5. die erlebten Af- fekte zum psychischen und körperlichen Selbstver- ständnis zu nutzen (affektives Selbstverständnis) und 6. die erlebten Affekte zum Situationsver- ständnis zu nutzen (Wöller 2006, 76; Hirblinger 2009). „Triangulierung“: ■ ■ als Entwicklungskonzept be- zeichnet es die sukzessive Entstehung und Ver- innerlichung von drei ganzen, d.h. ambivalenten Objektbeziehungen im Verlauf des ersten Lebens- jahres. Dabei handelt es sich in der Regel (aber nicht zwangsläufig) um die Beziehung des Kindes zur Mutter und zum Vater sowie um die Beziehung der Eltern zueinander. Alle drei Beziehungen wer- den vom Kind nicht nur erlebt, sondern in Verbin- dung mit den sie begleitenden Phantasien auch in- trapsychisch abgebildet. So konstituiert sich eine innere triangulierende Beziehungsstruktur. Vor die- sem – meist konflikthaften – Hintergrund werden auch andere Beziehungen erlebt und gestaltet. Be- deutungsvoll ist in der Pädagogik daher die Diffe- renzierung von realen und beobachtbaren Inter- aktionen auf der einen und intrapsychischen Repräsentationen von bedeutsamen Bezugsper- sonen und Beziehungen auf der anderen Seite (Schon 2000, 723). „Übergangsraum“ / „potenial space“ ■ ■ : Nach Winni- cott (1976) übernimmt das „Übergangsobjekt“ (Puppe, Stofftier etc.) für das kleine Kind eine Entwicklungsfunktion, da es dazu verhilft, den Schmerz der Trennung von der Mutter zu ver-

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