Handbuch 5. Auflage
1274 Dörr zieherIn und Kind. Darin liegt für ihn der Zwang, die Struktur einer Begegnung zweier Menschen als triadische Konstellation zu begreifen. Nach ihm kann ein Dialog, ein zwischenmenschlicher Aus- tausch – gleich ob verbal oder durch praktisches Tun – nur gelingen, wenn im Zuge des zwischen- menschlichen Austausches eine Korrelation von Differenzierung und Integration erfolgt, durch welche ein Sachverhalt ebenso hergestellt wie er- kannt wird (Dörr 2002, 151). Dies ist nur im Hin- blick auf ein Drittes, also bezogen auf einen ge- meinsamen Gesichtspunkt möglich. Erst die Anerkennung einer gemeinsam erzeugten dritten Dimension kann eine Beziehungsbildung – und damit die Chance auf korrigierende Wahrneh- mungs-, Beziehungs- und Handlungssche- mata – eröffnen. Dies geht einher mit der Beach- tung der grundsätzlich triangulären Konstellation von Arbeitsbündnissen, ohne die unhintergeh- baren Grenzen jeder professionellen Praxis aus- zublenden, die in mehrfacher Hinsicht als eine Praxis unter Ungewissheitsstrukturen charakteri- siert bleiben muss (Wimmer 1996, 425 f.). In diesem gemeinsamen Prozess ist eine weitere Spannung eingelagert, denn Erziehung ist ein gene- rationales Verhältnis, dem eine besondere interge- nerationale Ambivalenz eigen ist (King 2006; Win- terhager-Schmid 2000): Hierbei geht es nämlich um die Infragestellung des Eigenen durch die Bil- dungs- und Individuationsprozesse des generatio- nell Anderen und um die Anforderung, diese Infra- gestellung auszuhalten. Der Sachverhalt, dass sich zwischen dem, was eine ältere Generation will und tut und dem, was sich bei einer jüngeren Genera- tion bildet, unausweichlich Brüche zeigen, ist ein Strukturmerkmal für pädagogische Beziehungen. Bildungsprozesse der Heranwachsenden sind mit Individuation verbunden und diese Prozesse sind auf eine ermöglichende, generative Haltung seitens der Erziehenden angewiesen (King 2006, 63). Ausblick Im Unterschied zur üblichen Psychologie lag die Besonderheit der Freudschen Psychoanalyse von Anfang an nicht nur in der Betonung der Triebe, der Sexualität und des Unbewussten, sondern zu- gleich darin, das Individuum im Zusammenhang seiner Lebensgeschichte und der hierfür bedeut- samen sozialen Beziehungen zu begreifen. Daran hält die derzeitige Psychoanalytische Pädagogik fest und rückt die AdressatInnen „als Subjekte ihrer Lebensgeschichte mit ihren je individuellen Be- dürfnissen, Problemen und Erwartungen in den Vordergrund“ (Fatke /Hornstein 1987, 591). Aber unaufhörlich stellt die Psychoanalyse uns PädagogInnen durch ihre sozialwissenschaftliche Fundierung vor die Tatsache, dass Menschen zwar an der widersprüchlichen, entfremdenden und re- pressiven Form der Vergesellschaftung leiden, wenn nicht gar erkranken, sie diese aber dennoch durch eigene Handlungen unaufhörlich reproduzieren. Individuelles Leid wie psychosoziales Elend haben ihre Ursachen, wie Freud sagt, in erster Linie in „der Unzulänglichkeit der Einrichtungen, welche die Beziehungen der Menschen zueinander in Fa- milie, Staat und Gesellschaft regeln“ (Freud 1930, 217). Solange wir aber gemeinsam diese Kulturfor- men nicht verändert haben, muss uns die Arbeit der PädagogInnen wie Sisyphusarbeit erscheinen, sie werden weiterhin einen „unmöglichen Beruf“ (Freud 1925) ausüben und müssen dabei der un- hintergehbaren Grenzen jeglicher Pädagogik ge- wahr bleiben, um das, was sie tun können, von dem, was sie nicht tun können, unterscheiden zu lernen. Gleichwohl, Kinder und Jugendliche müs- sen – darauf hat Freud in seinen kulturtheoreti- schen Reflexionen hingewiesen – auch auf die un- hintergehbare Übermacht der Natur, auf die Hinfälligkeit des Körpers und auf die Unzuläng- lichkeit der sozialen Einrichtungen, die unser Zu- sammenleben regeln (sollen) durch erzieherische Verhältnisse und Beziehungen vorbereitet werden. Hierbei geht es um die Erfahrungen von Grenzen und deren illusionslosen Anerkennung. So kann Erziehung nicht allein Anweisungen zum Glück- lichsein enthalten, sie sollte vor allem Mittel be- reitstellen, mit deren Hilfe unvermeidbares Leid – etwa den Tod eines geliebten Angehöri- gen – bewältigt werden kann. Freud insistiert da- rauf, dass Menschen auch einsehen sollten, dass Schwäche und Hilflosigkeit durch Größen- und Rachephantasien nicht aus der Welt zu schaffen sind. Er benennt stattdessen die irdische Solidari- tät als Voraussetzung kreativer Lösungen ange- sichts des Unbehagens (Freud 1927). Sie ist es, durch die Spielraum für Subjektivität neu ge- schaffen wird oder werden könnte. So könnte das
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