Handbuch 5. Auflage
128 Hamburger · Hirschler · G. Sander · Wöbcke Und für Zypern ist festzuhalten, dass dort die euro- päische Dimension gerade in der Umsetzung be- griffen ist. Die Türkei kennt ausschließlich die Ausbildung auf der universitären Ebene: Seit 1967 an der Abtei- lung für Sozialarbeit und Soziale Dienste der staat- lichen Hacettepe-Universität in Ankara und seit 2002 an einer privaten Universität in Baskent mit den Abschlüssen MA und PhD. Die Intention, mit der das Projekt „Ausbildung für Soziale Berufe in Europa“ begonnen wurde, nämlich vor den größeren Veränderungen durch den Bologna-Prozess eine Bestandsaufnahme der Ausgangssituation zu erarbeiten, lässt sich jetzt erweitern auf die Frage, welche Dynamik der Pro- zess angenommen hat und in welche Richtung er geht. Auch befinden sich alle Länder in Bezug auf ihre Sozial- und Hochschulpolitik in einem fort- währenden Wandel; dies lässt die Ausbildung nicht unbeeinflusst. Eine systematische Bilanz ist angesichts dauernder Veränderungen nicht mög- lich, es können nur Tendenzen festgehalten wer- den. Dazu gehört beispielsweise, dass in den untersuchten Ländern die Ausbildung noch durchweg in öffentlicher Verantwortung und auch an Universitäten geschieht. Eine Ausnahme bildet Österreich mit neun Fachhochschulen in ausschließlich privater Trägerschaft. In einigen Ländern wird die Rolle der Theorie im Verhältnis zur Praxis in der Ausbildung stark diskutiert, in anderen Ländern steht hingegen das „Finden der eigenen Profession“ mit der Frage, „Wie das Kind heißen soll“ – Soziale Arbeit, Sozialarbeit oder Sozialpädagogik, um in der deutschen Terminolo- gie zu bleiben, im Mittelpunkt. Bologna und die Folgen Die Umsetzung des Bologna-Prozesses (siehe hierzu auch Hirschler 2008) ist vor allem an den osteuro- päischen Hochschulen weitgehend realisiert. Die politisch gewollte Einführung der BA /MA-Struk- tur schreitet jedoch in einigen Ländern offensicht- lich langsamer voran als von manchen erhofft oder befürchtet. Auch hier ist, wie in Deutsch- land, zu beobachten, dass die Universitäten eher ablehnend, die Fachhochschulen eher euphorisch reagieren. Für die Zukunft freilich wird entschei- dend sein, welche Qualität der Ausbildung sich hinter den Etiketten verbirgt. Diese Diskussion hat noch nicht einmal begonnen. Über die Entwicklung der Ausbildung nach der Umsetzung der Bologna-Erklärung lassen sich für viele europäische Länder nur Tendenzen feststellen, da die Realisierung noch nicht überall abgeschlos- sen ist. So war beispielsweise über einen langen Zeitraum die Tendenz erkennbar, verstärkt (spezia- lisierte) Master-Studiengänge einzurichten und dem Bachelor weniger Beachtung zu schenken. Dies hatte eine Reihe von Gründen: Neben der Employability , dem Ziel der Beschäftigungsfähig- keit und nicht der Wissenschaftlichkeit (der „be- rufsbefähigende Regelabschluss“, Buttner et al. 2004, 22) des Bachelors und dem hohen Personal- aufwand wird von einigen ProfessorInnen der Mas- ter auch als prestigeträchtiger und gewichtigerer Studiengang angesehen. Daraus entstand an eini- gen Universitäten die Tendenz zu „Spezialmastern“, die (fast) deckungsgleich mit den Forschungs- schwerpunkten von ProfessorInnen, aber nicht „Employability-orientiert“ sind. In Deutschland endeten 2006 von 112 evaluierten Mastern für so- ziale Berufe nur ca. ein Viertel mit dem Abschluss „Soziale Arbeit“, die Hälfte der Master beschäftigt sich mit Sozialmanagement, Beratung, Gesundheit undTherapie (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. 2007). Diese Tendenz scheint sich an einigen Universitäten – insbesondere nach der Be- rechnung der vorhandenen personellen Kapazitä- ten – zu relativieren (Hirschler / Lorenz 2006). In Bezug auf die Umsetzung des Bologna-Prozesses wurde bei der Analyse deutlich, dass bei den skan- dinavischen Ländern Schweden die Reform des tertiären Bildungssektors erst 2008 / 2009 umset- zen wird, Norwegen hingegen – auch im europäi- schen Vergleich – mit der Implementierung der Quality Reform zu den Vorreitern gehört. Ähnliches ist für Dänemark festzustellen, auch dort werden bereits flächendeckend Bachelor-Abschlüsse ange- boten. Deutschland befindet sich noch immer in der Übergangsphase vom Diplom zum Bachelor und Master. In Ungarn ist die Umstellung im Au- gust 2004 durch einen Erlass erfolgt, für die Ukraine ist Ähnliches zu konstatieren (Semigina et al. 2005, 169). Von Interesse ist auch die Frage, welche Folgen die bis 2010 einzuführende neue Studiengangsstruktur haben wird. Die erste Studienstufe soll zu einem berufsqualifizierenden Bachelor-Abschluss führen
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