Handbuch 5. Auflage
Ausbildung für Soziale Arbeit in Europa 129 ( Undergraduate ). Mit dem Abschluss des Bachelor wird ein für den europäischen Arbeitsmarkt „rele- vantes Zertifikat“ erworben. Auf den Bachelor kann eine zweite Studienstufe von einem, einein- halb oder zwei Jahren folgen, die mit einem zwei- ten, berufsqualifizierenden oder forschungsorien- tierten Master-Abschluss ( Graduate ) enden soll. Für Deutschland ist zu konstatieren, dass der Be- rufseinstieg und der weitere Karriereweg für Bache- lor-Absolventen der Fachhochschulen und der Master-AbsolventInnen der Universitäten voraus- sichtlich keine Probleme darstellen wird, die Be- rufsaufnahme der universitären Bachelor-Absol- venten jedoch unklar ist (Alesi et al. 2005). In Flandern existieren seit dem Studienjahr 2004 / 05 zwei verschiedene Bachelor: Ein Professional Bache- lor , der auf einen Berufseinstieg vorbereiten soll, und ein Academic Bachelor , der eher eine wissen- schaftliche Ausrichtung hat (Desmet 2005, 53). In Estland wird „das Hochschulprogramm der ersten Stufe (BA) allgemeine Kenntnisse beinhalten und das Hochschullehrerprogramm der zweiten Stufe (MA) […] vor allem als Ausgangspunkt der For- schungsarbeit dienen“ (Tulva / Leppiman 2004, 24 f.). Sichtbar wird in der Analyse, dass Unsicher- heiten über die Chancen des universitären Bachelor in vielen Ländern zu konstatieren sind, da der Ba- chelor oft als ein ohne den Master „unvollständiger Abschluss“ begriffen wird. Hierbei scheinen das Vereinigte Königreich – wo das Thema „kein Thema“ ist – und Deutschland – wo die Sorge überdurchschnittlich hoch ist – die beiden euro- päischen „Extreme“ darzustellen (auch Alesi et al. 2005). In Bezug auf den Master-Zyklus besteht in- nerhalb der europäischen Länder kein Konsens über das grundsätzliche Verhältnis dieser Stufe zur Berufsqualifizierung und darüber, ob eine zusätzli- che Berufseignung „direkt“ über entsprechende Vertiefungsfächer oder „indirekt“ über akademi- sche Forschungsimpulse erreicht werden sollte. Die in „Bologna“ vorgeschlagene klare Trennung wird bisher nur in wenigen Ländern wie Lettland und Frankreich durchgeführt. Allgemein ist festzuhal- ten, dass die Universitäten eher Schwierigkeiten mit einem berufseinmündenden Master zu haben scheinen als die Fachhochschulen (Hirschler 2006). Eine zu verzeichnende „Skurrilität“, mit nicht ab- sehbaren Folgen für die wissenschaftliche Diszi plin, ist auch, dass an einigen Hochschulen das bisherige Verhältnis von Grund- und Hauptstu- dium auf den Kopf gestellt wird: Spezialisierung ohne Grundlagenwissen im Kurzzeitstudium, Grundlagenwissen ohne Fachbezug im Master- Studiengang (Hirschler / Sander 2007). „Bologna“ sollte eine vergleichbare Hochschulaus- bildung und damit ein „System vergleichbarer Ab- schlüsse“ herbeiführen. So sollte die wechselseitige Anerkennung der Abschlüsse und die Berufsauf- nahme in jedem EU-Land ermöglicht werden, letztere war übrigens bereits durch das Prinzip der „Freizügigkeit“ im Vertrag von Maastricht garan- tiert. Die Anerkennungspraxis der Hochschul- abschlüsse sieht allerdings anders aus. Die deutsche Bundesregierung behauptet, die Anerkennung ha- pere an „Übersetzungsschwierigkeiten“ der erwor- benen Qualifikation, die Lösung seien „Überset- zungshilfen“, und die biete der „Europäische Qualifikationsrahmen“ (EQR) an, auf den sich die EU-Bildungsminister am 15. November 2007 in Brüssel geeinigt hatten (Bundesregierung 2007). Ján Figel, EU-Bildungskommissar, sagt dazu: „Die Menschen in Europa stoßen viel zu oft auf Hinder- nisse, wenn sie in ein anderes Land gehen wollen, um dort zu studieren, sich weiter zu bilden oder zu arbeiten. Auch der Wechsel von einem Bereich des Bildungssys- tems ihres Landes in einen anderen, z.B. von der Berufs- bildung zur Hochschulbildung, kann problematisch sein. Der EQR wird die unterschiedlichen Qualifikationen in den europäischen Ländern leichter verständlich machen.“ (Bundesregierung 2007) Ob „Verständlichkeit“ auch „Anerkennung“ be- deutet, bleibt weiter offen. Entwicklungstendenzen Die Ausbildung für soziale Berufe ist in ganz Eu- ropa durch Akademisierung (also Integration in das tertiäre Bildungssystem) und Verwissenschaft- lichung gekennzeichnet. Von den Autoren unserer Studie wird diese Entwicklung als Erfolg gewertet, als Qualifikationserweiterung durch Wissenschaft, als Voraussetzung zur Aufwertung des Berufs und des Berufsfeldes. Deutlich sichtbar wird dabei auch der Aspekt, dass die hochschulischen Akteure selbst eine Aufwertung erfahren haben und an einer Stei- gerung dieser Aufwärtsbewegung interessiert sind.
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