Handbuch 5. Auflage
1290 Bock · Miethe Es wurden hier ganz direkt Themen aufgegriffen, die in das Zentrum der Sozialen Arbeit verweisen, etwa Probleme von Aussiedlern (Thomas / Znanie- cki 1958 bzw. 1918–1920), Rassenunruhen (Chi- cago Commission 1922), die Situation von Wan- der- und Gelegenheitsarbeitern (Anderson 1923 / 2002), Studien zu städtischen oder eth- nischen Ghettos (Wirth 1928; Zorbaugh 1929) und zu Jugendgangs (Shaw 1929; Thrasher 1928 / 1963), zudem wurden Themen wie Selbst- mord (Cavan 1928) oder organisierte Kriminalität (Landesco 1929) in den Mittelpunkt der Unter- suchungen gestellt. Auch wenn diese Studien heute zumeist als klassi- sche us-amerikanische Studien der Soziologie ge- handelt werden, ist die Abgrenzung doch nicht ganz so eindeutig: Zwar haben sich diese Studien selbst als soziologische Untersuchungen verstan- den, was vor allem auch damit zusammenhängt, dass Robert E. Park als einer der Betreuer dieser Studien großen Wert darauf legte, dass sich die Soziologie als Wissenschaft von der praxisorientier- ten Sozialen Arbeit der frühen 1920er Jahre ab- grenzte. De facto erfüllten die frühen Studien der Chicagoer Schule diesen Anspruch aber nur be- grenzt. Zum einen wurden die ersten Studien teil- weise in enger Kooperation mit oder sogar im Auf- trag von Praxiseinrichtungen der Sozialen Arbeit durchgeführt (Carey 1975, 4) bzw. waren einige Studierende sogar bei solchen Organisationen an- gestellt (Platt 1994, 62). Doch auch wenn Park seine Studierenden dazu aufforderte, „first-hand observation“ durchzuführen (Bulmer 1984, 97), wurde in zahlreichen Studien nicht unbedingt nur auf selbst erhobenes Material zurückgegriffen; viel- mehr bezogen sie durchaus Daten ein (z.T. in er- heblichem Ausmaß), die etwa in Einrichtungen der Sozialen Arbeit von anderen gesammelt worden waren (Platt 1994, 61 ff.). Darüber hinaus verfügen diese Studien durchaus auch noch über eine pra- xeologische Ausrichtung bis hin zu konkreten Handlungsanweisungen für die Soziale Arbeit bzw. die Sozialpolitik (Schütze 1987, 528; Miethe 2007, 13 ff.). Aus diesem Blickwinkel können somit diese frühen Studien also auch durchaus als KlassikerIn- nen einer us-amerikanischen Forschungstradition in der Sozialen Arbeit verstanden werden. Ferner wird bei der Rezeption der Chicago-Studien zumeist übersehen, dass diese Forschungstradition nicht „aus dem Nichts“ kam, sondern sowohl the- matisch als auch methodisch in nicht unerhebli- chem Maße an Forschungen anknüpfte, die von SozialreformerInnen und SozialarbeiterInnen au- ßerhalb der universitären Forschung durchgeführt wurden (etwa Platt 1994; Bulmer et al. 1991; Dee- gan 1988; Miethe 2010). Die bekannteste Studie ist hier die 1895 erschiene Aufsatzsammlung Hull- House Maps&Papers (Residents of Hull-House 2007). Diese Studie enthält Karten, die die Her- kunft und Lebenssituation der im Bezirk lebenden Menschen darstellen, sowie zehn von verschiede- nen Hull-House-Mitarbeiterinnen verfasste Auf- sätze, die u. a. auf qualitative Daten zurückgreifen. Auch bestanden Ende des 19. / Anfang des 20. Jahr- hunderts ausgesprochen enge Kontakte zwischen dem Hull House und dem Department of Socio- logy der Universität Chicago und die Forschungs- ergebnisse von Hull-House-Mitarbeiterinnen wur- den in dem renommierten American Journal of Sociology publiziert. Die Universitäts-Soziologie entstand sozusagen „mitten in der Hochburg der amerikanischen sozialen Arbeit und Pädagogik“ (Meyer-Renschhausen 1994, 21). Doch diese Stu- dien erfuhren bei Weitem nicht die Rezeption, die ihrer Bedeutung entsprochen hätte, so dass heute diese Verbindung zur Forschungstradition der Chi- cagoer Schule weitestgehend vergessen ist (ausführ- lich Miethe 2010). Vor dem Hintergrund dieser Vorgeschichte kann die Chicagoer Schule im doppelten Sinne als eine „Wiege einer rekonstruktiven Forschung in der Sozialen Arbeit“ (Miethe 2007) verstanden wer- den: Denn einerseits besteht der Bezug über den Rückgriff auf die dort entwickelten methodischen und methodologischen Prämissen und Methoden, die über den „Umweg“ der Soziologie Eingang in die Soziale Arbeit fanden. Andererseits ist die Vor- geschichte und der Beginn der Chicagoer Schule direkt mit der Sozialen Arbeit und den dort ent- standenen empirischen Studien verbunden. b) Traditionen aus der Sozialarbeit und Wohlfahrtspflege Auch in Deutschland gehen die Forschungsbemü- hungen im Rahmen der Sozialen Arbeit bis ins 19. Jahrhundert zurück, die sich in wiederum drei Traditionslinien zusammenfassen lassen (hierzu und im Folgenden ausführlich: Hoff 2010):
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=