Handbuch 5. Auflage
Qualitative Forschung 1291 Unter „Sozialreportagen und frühe ethnographi- ■ ■ sche Studien im Kontext einer religiös motivierten Wohlfahrtspflege und des sozialpolitischen Enga- gements bürgerlicher Frauen und Männer“ zählt Hoff neben frühen Studien, wie die 1832 erschiene Studie von Johann Hinrich Wichern zu „Hamburg geheimes und wahres Volksleben“ (Wichern 1958, 33 ff.) vor allem aber auch private Forschungsakti- vitäten bürgerlicher Frauen und Männern zu (In- dustrie)arbeiter(inne)n. Die bekanntesten Studien sind hier etwa die des evangelischen Pfarrers Paul Göhre (1891 / 1906) „Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche“ oder die Untersuchung der Schriftstellerin und Nationalökonomin Minna Wettstein-Adelt (1893) „Dreieinhalb Monate Fa- brikarbeiterin“. Diese „wallraffartigen Sozialrepor- tagen“ (Meyer-Renschhausen 2004, 1) arbeiten mit der „Methode der verdeckten Beobachtung“: Pfarrer und / oder Sozialreformerinnen, die die Un- tersuchungen durchführten, arbeiteten für einen begrenzten Zeitraum inkognito in einzelnen Fabri- ken oder suchten dauernden Kontakt mit wan- dernden Handwerksgesellen. Im Unterschied zu den im us-amerikanischen Hull House entstande- nen Arbeiten sind diese Forschungen in Deutsch- land mitunter nicht ganz frei von moralisch-religiö- sen Bewertungen und missionarischenAmbitionen, weshalb sie nach den gegenwärtigen Kriterien qualitativer Sozialforschung nur begrenzt als For- schung verstanden werden können. Im Rahmen des 1872 gegründeten ■ ■ Vereins für So- zialpolitik nehmen Fragebogenuntersuchungen, Sozialenqueten und sonstige Studien mit qualitati- ven Zugängen einen zentralen Stellenwert ein. Die in diesem Zeitraum noch junge statistischeWissen- schaft, auf die man sich zunächst berief, war nicht allein in der Lage, die benötigten Informationen über soziale Zusammenhänge zur Verfügung zu stellen (Sachße 1986, 7; Hoff 2010), so dass hier eine innovative Methodik entworfen wurde. Ins- besondere Forscherinnen, die mit der Frauenbewe- gung eng verbunden waren, entwickelten innova- tive Impulse für die Verknüpfung von bestehenden Methoden der Enqueten mit ethnographischen und verstehenden Zugängen. Ihre empirischen Un- tersuchungen waren meist der Arbeiterinnenfrage gewidmet und in ihrer wissenschaftlichen Arbeit wurden sie nicht selten von Nationalökonomen gefördert (z.B. Gnauck-Kühne 1896; Baum 1906; Bernays 1910; Kempf 1911). Rückblickend lässt sich festhalten, dass sich hier sogar das Verhältnis umkehrte: Denn durch diese Studien, die um die Jahrhundertwende entstanden sind, wurde die Methodenentwicklung innerhalb der institutionali- sierten empirischen Sozialforschung von der Sozi- alarbeit vorangetrieben (Hoff 2010). Unter dem Stichwort der Fallstudien und Familien- ■ ■ monographien im Kontext institutionalisierter Sozi- alarbeit können schließlich solche Untersuchungen gefasst werden, wie sie im Rahmen der 1925 er- öffneten „Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit in Berlin“ vorgelegt worden sind: Im Zeitraum von 1930 bis 1933 entstanden hier 13 empirische Studien in Themenfeldern der Sozialen Arbeit, in denen auf ein breites Methodenspek- trum zurückgegriffen wurde (Hoff 2010). Während einige dieser Studien eher „klassisch“ standardi- sierte Fragebögen und Aktenanalyse verwendeten, wurden in anderen neue und innovative qualita- tive Methoden entwickelt, wie z.B. Zeitverwen- dungsbögen in der Studie von Baum /Westerkamp (1931) oder Lehrlingsaufsätze in der Studie von Krolzig (1930). Meuter (1932) arbeitete neben Sonderfragebögen mit einer sehr differenzierten Form von Typologie – ein zu dieser Zeit durchaus neuer und innovativer Ansatz. Aus heutiger Sicht lässt sich konstatieren, dass diese Studien nicht mehr nur als Wurzel qualitativer Forschung Sozia- ler Arbeit gelesen werden können, sondern darü- ber hinaus (sozusagen als Form institutionalisierter Forschung in der Sozialen Arbeit) einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung von Profession und Disziplin darstellen. Denn einerseits wird hiermit (empirisch-qualitative) Forschung zum festen Be- standteil von Sozialer Arbeit und unverzichtbare Voraussetzung für die Praxis, andererseits wird gleichsam eine „Disziplinentwicklung eingeläutet, indem Sozialarbeit nicht nur Praxis beobachtet, sondern durch Forschung zur eigenen Theorieent- wicklung beiträgt“ (Hoff 2010). – Diesen Traditio- nen aus der Wohlfahrtspflege war letztlich ein ähn- liches Schicksal beschieden, wie auch den Studien um Hull House: Sie gerieten in weiten Teilen in Ver- gessenheit und wurden im Theoriediskurs der So- zialen Arbeit allenfalls partiell aufgegriffen. Damit blieben auch lange Zeit historische Wurzeln ver- schüttet, die einen wichtigen Beitrag zur Identi- tätsbildung von Disziplin wie Profession hätten leisten können.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=