Handbuch 5. Auflage

Qualitative Forschung 1293 letzten Jahren zu beobachtende stärkere Ausrich- tung von Teilen der Biografieforschung auf den Mehrgenerationenzusammenhang ist nicht nur eine komplexere, historische und gesellschaftliche Perspektive auf den Einzelfall möglich, sondern auch eine potenzielle Anschlussfähigkeit an die für die Soziale Arbeit zentralen systemischen Diskurse gegeben, auf deren Methodenrepertoire (z. B. Ge- nogrammanalysen) teilweise sogar direkt zurück- gegriffen wird (Hildenbrand 2010). Fremdverstehen : Zum anderen ermöglichen bzw. erfordern qualitative Methoden eine Haltung des Fremdverstehens. Dies ist eine (professionelle) Grundhaltung, die sehr gut an die Soziale Arbeit anschlussfähig ist, da auch die Problembestände der Sozialen Arbeit „der Gesellschaft und den Fach- kräften in der Sozialen Arbeit prinzipiell fremd“ sind und auch die Betroffenen „ihre Problemlagen kaum oder gar nicht“ durchschauen (Schütze 1994, 189). Qualitative Methoden ermöglichen hier eine „systematische Fremdheitshaltung gegenüber der sozialen Realität“, die auf Verstehen abzielt und die eine prinzipielle Phänomenoffenheit und eine ver- fremdende Perspektive auf die zu erkundenden Phänomene eröffnet. Fremdverstehen ist somit einer der Wege, das So-Geworden-Sein von Men- schen im Verlauf seiner Entstehung nachvollziehen zu können, d. h. in seiner eigenen Logik zu rekon- struieren. Mit dieser Haltung ist auch die sog. „Suspendierung der moralischen Einstellung“ (Bohnsack 2005, 121) verbunden; mit der die Frage aufgeworfen wird, inwieweit eigene Ansprü- che und Werthaltungen zugunsten der AdressatIn- nen Sozialer Arbeit zurückgestellt werden müssen und sollten. Lebenswelt- und Sozialraumbezug : Erinnern wir uns an die eingangs skizzierten, nunmehr „klassischen“ Studien im Kontext der Sozialen Arbeit, dann wird dort ein sehr weit gefasster Fallbezug deutlich. Denn ein „Fall“ war und ist in dieser Forschungs- tradition keineswegs nur eine Person oder Familie, sondern kann genauso eine Einrichtung, eine Straße, ein Ghetto, ein Stadtbezirk oder eine Stadt sein. Doch wie auch immer ein „Fall“ in den For- schungsbezügen jeweils definiert wird – gesichert ist, dass er nie isoliert, sondern als Teil eines gesell- schaftlichen Gesamtgefüges betrachtet wird bzw. werden muss. In der Sprache der Sozialen Arbeit: Der jeweilige Fall muss immer im Kontext der je- weiligen Lebenswelt und innerhalb des relevanten Sozialraumes betrachtet werden. Denn es geht um ein Verständnis von „Verhaltensweisen in Lebens- verhältnissen“, die allzu oft von der Gesellschaft und auch der Forschung verleugnet oder aus- geblendet werden. Dieser „traditionelle(n) Affinität zu tendenziell eher rekonstruktiven bzw. qualitativen methodi- schen Verfahren“ (Rauschenbach /Thole 1998, 22) ist es wohl zu verdanken, dass qualitative Metho- den im Bereich der Sozialen Arbeit (imUnterschied zu anderen Disziplinen) relativ schnell – wenn auch nicht immer unbedingt strategisch geplant und historisch informiert – ein anerkannter Teil der Forschungskultur wurden. Allerdings impli- zierten die Gründe, die eindeutig für eine Hinwen- dung zu qualitativen Methoden sprachen, gleich- sam spezifische Schwierigkeiten, durch die die Entwicklung einer fundierten Forschungskultur in der Sozialen Arbeit auch erschwert wurde, so dass diese Affinität wohl eher einer „janusköpfigen Liebe“ glich (Miethe / Bock 2010). Soziale Arbeit begreift sich bis heute in ihrem Selbstverständnis als angewandte Wissenschaft bzw. als Handlungswissenschaft (Rauschen- bach /Thole 1998, 22; Schrapper 2004, 18). Da- mit verbunden ist vielfach der Anspruch, dass For- schungsergebnisse (auch) von der Praxis genutzt und forschungsrelevante Fragestellungen aus den Bedarfen der Profession abgeleitet werden können. So führt etwa Hans-Jürgen von Wensierski aus, dass es geradezu die Spezifik einer verstehenden sozialpädagogischen Forschung sei, „Forschung und Forschungsmethoden nicht nur zur wissen- schaftlichen Erkenntnisgewinnung einzusetzen, sondern diese Erkenntnisse auch an die sozialpäda- gogische Praxis und das sozialpädagogische Han- deln zurückzubinden: als Evaluations- und Reflexi- onsinstrument, als Handlungsanleitung oder als Entwicklungs-, Planungs- und Innovationsinstru- ment“ (v. Wensierski 1997, 113). Doch auch wenn sich die Soziale Arbeit als Wissenschaftsdisziplin von einem „allzu naiv gedachten Anwendungs- modus wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Pra- xis“ (Jakob / v. Wensierski 1997, 14) verabschiedet hat, bewegt sich die Forschung im Bereich der So- zialen Arbeit insgesamt doch nach wie vor im Spannungsfeld von Disziplin und Profession. Damit verbunden ist auch die forschungsmetho- dische Ausrichtung, „möglichst nahe am Ort des Geschehens, möglichst nahe an den beteiligten

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