Handbuch 5. Auflage

1294 Bock · Miethe  Akteuren“ (Rauschenbach /Thole 1998, 22) unter- suchen zu wollen. Dies ließ sich am besten umset- zen durch methodische Ansätze, die durch eine enge Verbindung zwischen Praxis und Forschung gekennzeichnet waren (etwa: Verfahren der Akti- ons-, Praxis- und Handlungsforschung oder der Begleit- und Evaluationsforschung) bzw. in direk- ten Kontakt mit den Untersuchten gingen (wie z. B. Interviews oder Beobachtungen) (Rauschen- bach /Thole 1998). Durch diese frühe, im theoretischen und prakti- schen Anspruch begründete Ausrichtung auf quali- tative Methoden blieben der Sozialen Arbeit weit- gehend unfruchtbare „Grabenkämpfe“ zwischen „Qualis“ und „Quantis“ erspart. Die Kehrseite die- ser Ausrichtung ist allerdings, dass diese Ausrich- tung bzw. vor allem der dieser Ausrichtung zu- grunde liegende Ansatz der Nähe zur Praxis auch dazu führte, dass Forschung undWissenschaft nicht immer klar voneinander unterschieden wurden. Damit war nicht nur die „Gefahr einer endlosen Entgrenzung dessen, was Forschung sein kann und soll“ (Lüders 1998, 118) verbunden, sondern auch die Gefahr, die gegensätzlichen Logiken von For- schung und Praxis nicht immer deutlich zu diffe- renzieren bzw. in dieser Differenz konsequent wahrzunehmen. Verwischen sich etwa die Grenzen zwischen einem Praxisentwicklungsprojekt, einer Praxisberatung und wissenschaftlicher Forschung und geht damit einher, dass sich derartige Projekte nicht mehr zwingend an den Kriterien qualitativer Sozialforschung orientieren und weder in Erhebung noch Auswertung die üblichen methodischen Stan- dards bedienen, dann bleibt hier fraglich, ob so pro- duzierte Forschungsergebnisse noch als Forschung im engeren Sinn verstanden werden können. Festzuhalten bleibt: Es sind weniger die qualitati- ven Forschungsmethoden selbst, die zu dieser Ent- grenzung führen. Auch innerhalb der Forschung Sozialer Arbeit ist es möglich, hochwertige qualita- tive Forschung zu produzieren, die „den Blick auf die methodischen Standards sozialwissenschaftli- cher Forschung freigeben und die Frage nach der sozialpädagogischen Relevanz von Forschungs- ergebnissen in das Spannungsfeld zwischen theo- retischen Rahmenkonzept, Fragestellung bzw. den heuristischen Kategorien verlagern“ (Lüders 1998, 128). Das Problem ist wohl nach wie vor im Selbst- verständnis der Disziplin Sozialer Arbeit begrün- det, denn ein mitunter zu beobachtender eher laxer Umgang mit forschungsmethodischen Standards wurde durch drei Aspekte befördert: Ein Grund liegt im Selbstverständnis Sozialer Ar- 1. beit (vgl. oben), für und mit den Adresssat(inn)en tätig zu werden. Dadurch wurde immer wieder eine Vermischung von Wissenschaft und Praxis befördert. Dies gilt insbesondere auch für die For- schungen in den (stark politisch ausgerichteten) 1970er Jahren, in denen wesentliche Grundsteine für die Soziale Arbeit als Wissenschaftsdisziplin gelegt wurden. Oftmals wurde hier der politische Anspruch über die Frage nach methodischen Standards und intersubjektiv nachprüfbaren For- schungsergebnissen gestellt zugunsten einer dy- namischen, eng mit der Profession Sozialer Arbeit verwobenen Forschung. Jedoch stellen Praxis und Forschung „je eigene Sphären und soziale Ord- nungen“ (Hamburger 2005, 47) dar, die jeweils unterschiedlichen Geltungsansprüchen unterlie- gen und damit nur sehr begrenzt kompatibel sind. Die Alltagsnähe qualitativer Sozialforschung sug- 2. geriert, dass ihre Methoden relativ einfach und ohne spezielle Ausbildung anzuwenden seien (im Unterschied zu quantitativen Verfahren, die „kom- pliziertes Rechnen“ erfordern). Dies führt (bis heute) immer wieder dazu, dass sich „Forschende“ ohne ausreichende Kenntnisse über Standards und Probleme der Datenerhebung und -auswertung bzw. der methodologischen Grundlagen und Be- gründungen ins Feld begeben. Die häufige Kritik an der „Subjektivität“ und „Willkürlichkeit“ quali- tativer Forschung basiert leider oft genug darauf, dass (nicht nur in der Sozialen Arbeit) immer wie- der Studien entstehen, die den Standards qualita- tiver Forschung nicht genügen. Durch die disziplinäre Logik Sozialer Arbeit rangiert 3. „häufig das Thema und der Gegenstand vor der Methode“ (Rauschenbach /Thole 1998, 15). Auch wenn hier durchaus und gerade die Chance be- gründet ist, dass ein „thematisch-gegenstandsan- gemessener Blick“ (Rauschenbach /Thole 1998, 15) möglich wird, birgt er doch auch die Gefahr, dass methodische und methodologische Fragen als eher randständig betrachtet und nicht angemes- sen berücksichtigt werden. Dies findet letztlich sei- nen Niederschlag in der Qualität der Forschungs- ergebnisse und führt immer wieder dazu, alte / neue Angriffsflächen im interdisziplinären Diskurs zu produzieren.

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