Handbuch 5. Auflage
Qualitative Forschung 1295 Aktuelle Entwicklungen qualitativer Forschung In den letzten Jahren hat sich die qualitative For- schungslandschaft grundlegend verändert: Zahlrei- che qualitative Studien wurden vorgelegt, die teil- weise höchsten Ansprüchen und Gütekriterien qualitativer Sozialforschung gerecht werden und es entwickelt sich eine neue, innovative Zusammen- arbeit empirischer Ansätze, die sowohl qualitative und quantitative Methoden miteinander kombinie- ren, wie auch die verschiedensten Möglichkeiten der Triangulation anwenden. Qualitative Forschun- gen finden wir heute in allen Bereichen der Sozialen Arbeit von Forschungen in der Kinder- und Jugend- hilfe, über speziellere Themen wie Wohnungslo senhilfe, Drogenarbeit, Altenarbeit bis hin zur Kli- nischen Sozialarbeit (vgl. die Beiträge in Bock / Miethe 2010). Auch wenn empirische Forschung im Kontext der Sozialen Arbeit nach wie vor noch kein „grundsätzlicher, systematisch strukturierter Teil der disziplinären Auseinandersetzung“ ist (Schweppe /Thole 2005, 8), greifen diese Studien auf das gesamte Methodenspektrum der qualitati- ven Sozialforschung zurück, wobei seit einigen Jahren eine verstärkte Orientierung am interpretati- ven Paradigma festzustellen ist (Jakob 1997, 150). Doch die Vielzahl der in den letzten Jahren erschie- nenen Studien eröffnet nicht nur eine sich breit und variantenreich entwickelnde Forschungsland- schaft, sondern sie macht es schwer, eine klare Systematisierung vorzunehmen. Zunehmend über- schneiden sich die Forschungsbereiche und rele- vante Studien finden zunehmend auch in den Nachbardisziplinen einen neuen Ort, genauso wie immer wieder auch Forschung aus den Nachbar- disziplinen rezipiert wird, so diese auch Anregun- gen für die Soziale Arbeit implizieren. Durch neue Forschungsfelder und -themen wird auch eine neue Unübersichtlichkeit (mit)produziert. 1999 hat Werner Thole eine Differenzierung der verschiedenen Forschungsbereiche in der Sozialen Arbeit vorgeschlagen: Damals unterschied er ge- nuin sozialpädagogische Forschung, sozialwissen- schaftliche Forschungen mit sozialpädagogischer Relevanz und verdeckte sozialpädagogische For- schung (Thole 1999). Inzwischen wurde eine etwas anders gelagerte Einteilung in den Diskurs einge- führt (Miethe 2007; Völter 2008; Miethe / Bock 2010). Im Hinblick auf das Erkenntnisinteresse und die damit verbundene theoretische und me- thodische Grundlogik lassen sich demnach im Kern drei verschiedene Anwendungen qualitativer Forschungsmethoden in der Sozialen Arbeit diffe- renzieren: (a) eine sozialwissenschaftliche For- schung, zu der sowohl eine planungs- und anwen- dungsorientierte Praxis- und Handlungsforschung als auch eine analytische und grundlagentheoreti- sche Sozialforschung gezählt werden können; (b) die Anwendung qualitativer Methoden als Metho- den der professionellen Praxis Sozialer Arbeit selbst und (c) (ethnografisch inspirierte) Methoden der Selbstreflexion und Selbstbeforschung in Ausbil- dung und Praxis. Diese drei Anwendungsbereiche sollen wenigstens knapp vorgestellt werden (aus- führlich Miethe 2007; Völter 2008): Forschung in der Sozialen Arbeit als sozialwissenschaftliche Forschung Der Bereich der sozialwissenschaftlichen Forschung ist inzwischen ausgesprochen ausdifferenziert und bezieht sich auf alle Arbeitsfelder der Sozialen Ar- beit, zu denen Studien im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, Familien- und Altenhilfe, Armuts- und Randgruppenforschung, Mädchen- und Frau- enforschung genauso zählen wie Studien, die sich z. B. mit Fragen der Professionalisierung oder mit der Untersuchung von Organisationen der Sozia- len Arbeit beschäftigen (hilfreich als Überblick: Jakob 1997). In dieser Forschungsrichtung existie- ren keine Methoden, die als genuin sozialpädagogi- sche oder sozialarbeiterische bezeichnet werden könnten (auch Maier 1999, 54), vielmehr wird auf Erhebungs- und Auswertungsverfahren zurückge- griffen, wie sie zumeist innerhalb der Soziologie entwickelt wurden. Dazu zählen v. a. das von Fritz Schütze und seinen Mitarbeitern entwickelte nar- rationsanalytische Verfahren (hierfür bspw. Rie- mann 2000; Bock 2000; Schlabs 2007), das von Oevermann erarbeitete Konzept der Objektiven Hermeneutik (etwa Kraimer 1994; 2007; Oever- mann 2001); das von Ralf Bohnsack entwickelte Verfahren der dokumentarischen Interpretation (z. B. Streblow 2005; Kutscher 2003; Kubisch 2008), die Methode der hermeneutischen Fallre- konstruktion nach Rosenthal (etwa Köttig 2004; Loch 2006; Schulze 2006) ebenso wie inhaltsana- lytische (etwa Gahleitner 2005) und ethno
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