Handbuch 5. Auflage

1300  Quantitative Forschung Von Heinz-Günter Micheel Grundlage quantitativer Sozialforschung Das Erkenntnissinteresse der „quantitativen“ em- pirischen Sozialforschung ist die Erforschung so- zialer Sachverhalte auf der Ebene von Aggregaten; es geht darum, Muster von Regelmäßigkeiten in der sozialen Realität zu finden (Babbie 2007, 11 ff.). Die Existenz solcher Muster wird als real angesehen, auch wenn solche Muster nicht perfekt sind. „Quantitative“ empirische Sozialforschung folgt einer – an die Naturwissenschaft angelehn- ten – nomothetischen Wissenschaftslogik. Nomo- thetisch ist die Bezeichnung für eine Wissenschafts- richtung, die sich mit der Erforschung von allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten beschäftigt. Die soziale Realität zeichnet sich aber eher durch – nicht so perfekte aber doch allgemeingül- tige – Regelmäßigkeiten denn durch – per- fekte – Gesetzmäßigkeiten aus. Somit wird im Folgenden der Begriff Regelmäßigkeit verwendet. Wenn soziale Regelmäßigkeiten existieren, können Sozialwissenschaftler sie aufdecken und ihre Effekte beobachten. Auch wenn sich solche Regelmäßig- keiten über die Zeit verändern, können Sozialwis- senschaftler dies beobachten. Die sozialen Regelmäßigkeiten, die Sozialwissen- schaftler allgemein untersuchen, beeinflussen das kollektive Verhalten von vielen Individuen. Wenn- gleich Sozialwissenschaftler häufig die Motivatio- nen, die Individuen beeinflussen, untersuchen, ist das Individuum an sich nicht der eigentliche Ge- genstand der Sozialwissenschaft. Stattdessen erstel- len Sozialwissenschaftler Theorien über den Sinn des Zusammenlebens von Gruppen, und nicht so sehr – wenn überhaupt – den von Individuen. Manchmal sind die kollektiven Regelmäßigkeiten verwunderlich (Babbie 2007, 13 f.). Nehmen wir z. B. die Geburtenrate. Frauen haben viele per- sönliche Gründe, um Kinder zu bekommen. Und wenn eine Frau ein Kind bekommen hat, kann sie eine sehr detaillierte, ganz eigene Geschichte darü- ber erzählen. Dennoch, trotz einer Vielzahl an Gründen, und den immer sehr eigenen Beweg- gründen, ein Kind zu bekommen, sind die Ge- burtenraten in einer Gesellschaft auffällig kon- stant. Dies ist ein Beispiel dafür, dass die soziale Realität sehr geordnet und geregelt verläuft. Und noch mehr: Diese soziale Regelmäßigkeit geschieht ohne eine gesellschaftsweite Regulierung. Ander- seits unterscheiden sich die Geburtenraten zwi- schen verschiedenen Ländern sehr deutlich. Das heißt wiederum, dass die relative konsistente Ge- burtenrate einer Gesellschaft keine humanbiologi- schen Gründe hat. Die Antwort liegt in dem Be- reich von sozialer Struktur und Kultur einer Gesellschaft. In diesem Sinne sind der Gegenstand empirischer Forschung typischerweise Aggregate oder Kollek- tive, und eben nicht – oder sehr selten – Indivi- duen. Sozialwissenschaftliche Theorie beschäftigt sich also typischerweise mit aggregierten und eben nicht individuellen Verhalten. Das Ziel ist zu er- klären, warum aggregierte Muster von Verhalten so regelmäßig sind, selbst wenn die Individuen, die an dem Verhalten beteiligt sind, über die Zeit wech- seln. Mann kann sagen, dass „quantitative“ Sozial- wissenschaftler nicht versuchen, Individuen zu er- klären. Sie versuchen, die Systeme zu verstehen, in denen Individuen handeln: die Systeme, die erklä- ren, warum Individuen tun, was sie tun. Die Ele- mente in solchen Systemen sind nicht Individuen sondern Variablen. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art120, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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