Handbuch 5. Auflage
Quantitative Forschung 1301 Variablen Quantitative empirische Sozialforschung bezieht sich auf die Untersuchung von Variablen und deren Verhältnis untereinander. Hier besteht der Gegen- satz zur qualitativen Sozialforschung, in der man versucht, menschliches Verhalten aus der subjekti- ven Perspektive eines Individuums (d. h. eines Fal- les) zu verstehen, dabei bezieht sich die qualitative Sozialforschung auf die Studie von Fällen, nicht von Variablen. Letztendlich ist aber jede soziale Theorie in einer Variablensprache geschrieben. Eine Variable ist ganz allgemein ein „veränderliches“ Merkmal (z. B. Geschlecht). Merkmale gruppieren Ausprägungen anhand von logischen Zuordnun- gen. Individuen sind dabei nur als Träger dieser Merkmale bzw. Variablen beteiligt. Merkmale bzw. Variablen sind wiederum die Träger von Merkmals- ausprägungen oder auch Werten. Merkmalsausprä- gungen sind Eigenschaften, die ein Objekt, also Individuen, Gruppen oder Gegenstände (sog. Merkmalsträger) beschreiben (z. B. „Anna ist ein Mädchen“, dann ist „Anna“ der Merkmalsträger, das Merkmal ist das „Geschlecht“ und die Ausprä- gung ist „weiblich“). Das Merkmal bzw. die Varia- ble „Geschlecht“ hat die Ausprägungen „männlich“ und „weiblich“. Variablen müssen mindestens zwei Ausprägungen haben; d. h., sie müssen variieren können (deshalb „veränderliches“ Merkmal). Ein Merkmal mit nur einer Ausprägung bezeichnet man als Konstante. Ein Merkmal mit genau zwei Ausprägungen bezeichnet man als dichotome Va- riable. Ausprägungen bestimmter Merkmale bzw. Variablen werden üblicherweise Zahlen zugeordnet, um eine statistische Funktion durchzuführen. So kann der Ausprägung „männlich“ der Variable Ge- schlecht die Zahl „1“, der Ausprägung „weiblich“ die Zahl „2“ zugeordnet werden. Eine dichotome Variable mit den Ausprägungen 1 und 0 wird als Dummy- oder binäre Variable be- zeichnet: Eine Ausprägung liegt vor (=1) oder liegt nicht vor (=0). Dies ist eine sog. ja-nein-Variable (z. B. möchte man bei der Befragung einer großen Gruppe von Arbeitnehmern alle Mitglieder einer Gewerkschaft kennzeichnen, sie erhalten die Aus- prägung „1“, weil sie Gewerkschaftsmitglieder sind, alle anderen bekommen die Ausprägung „0“ zugewiesen). Die Zuordnung einer Zahl zu einer Merkmalsaus- prägung wird als Codierung bezeichnet; entspre- chend wird die Zahl dann als Code (oft auch als Wert) bezeichnet. Die Zuordnung einer Zahl ge- schieht nicht willkürlich, sondern nach logischen Regeln. Variablen können aufgrund ihrer unterschiedlichen theoretischen und / oder statistischen Funktion de- finiert werden. Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen unabhängigen und abhängigen Varia- blen. Eine unabhängige Variable ist eine Variable, derenWerte in einer Analyse als gegeben angenom- men werden. Von einer unabhängigen Variable wird angenommen, dass sie eine abhängige Varia- ble erklärt oder bestimmt. So kann mit der un- abhängigen Variable „Geschlecht“ die abhängige Variable „Delinquenz von Jugendlichen“ (z. B. mit den Ausprägungen keine, niedrige, mittlere oder hohe Delinquenz) nicht perfekt, aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit erklärt werden. Das Prinzip lautet: die Ausprägung der Variable Delin- quenz hängt mit einer bestimmten Wahrschein- lichkeit von der Ausprägung der Variable Ge- schlecht ab. Darum nennen wir Delinquenz abhängige und Geschlecht unabhängige Variable. In manchen Fällen mag es möglich sein, die Ab- hängigkeit der Variablen umzudrehen, aber es leuchtet in diesem Fall auf den ersten Blick ein, dass eine Theorie, die von einer umgekehrten Kau- salität ausgeht, nicht naheliegend ist: Wie sollte auch das Geschlecht einer Person von ihrem delin- quenten Verhalten abhängen? So einfach ist aber bei manchen Zusammenhängen die Unterschei- dung nicht immer zu treffen. Die Variable „Geschlecht“ ist wiederum eine mani- feste, d. h. direkt beobachtbare Variable. Die Varia- ble „Delinquenz von Jugendlichen“ ist dagegen eine latente, nicht direkt beobachtbare Variable. Soziale Sachverhalte werden in der Regel nicht di- rekt, sondern indirekt beobachtet. Latente Varia- blen sind Konstrukte, die aus mehreren (also min- destens zwei) direkt beobachtbaren (manifesten) Variablen (sog. Indikatoren) bestehen. Die Variablen „Geschlecht“ und „Delinquenz von Jugendlichen“ oder die Zahl der „Mitglieder einer Familie“ sind diskrete Variablen. Bei einer diskre- ten Variable sind nur ganzzahlige Werte möglich: Es sind folglich Werte, die abzählbar endlich, bei- spielsweise die Zahl der „Mitglieder einer Familie“, oder abzählbar unendlich sind, beispielsweise bei einem Fußballspieler die Zahl der Torschüsse, bis er ein Tor schießt. Wenn eine Variable in jedem
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