Handbuch 5. Auflage
1302 Micheel beliebig kleinen Intervall nicht mehr abzählbar un- endlich viele Werte annehmen kann, wird sie als stetige Variable bezeichnet. In der sozialwissen- schaftlichen Forschungspraxis können auch stetige Merkmale oft nur diskret beobachtet werden, da Messverfahren nicht beliebig genau sind. Das Le- bensalter ist z. B. ein stetiges Merkmal, das (rein theoretisch) auf die Millisekunde oder noch ge- nauer angegeben werden kann. In der Praxis wird jedoch das Alter in ganzen Jahren, evtl. noch in Monaten gemessen. Misst man das Alter ganzzahlig in Jahren, wird in der sozialwissenschaftlichen For- schungspraxis die Variable als diskret bezeichnet; misst man das Alter mit Nachkommastellen, bei- spielsweise Fritz ist 10,6 Jahre alt, wird die Variable als stetig (bzw. auch kontinuierlich) bezeichnet. Ziele empirischer Sozialforschung Die Erklärung von sozialen Sachverhalten ist das theoretisch primäre Ziel von quantitativer empiri- scher Sozialforschung. Weitere Ziele sind die Ex- ploration und Beschreibung sozialer Sachverhalte. Die Ziele empirischer Sozialforschung sind somit die Exploration, Beschreibung und Erklärung so- zialer Sachverhalte auf der Ebene von Aggregaten. Exploration als eigenständiges wichtiges Ziel „quantitativer“ Sozialforschung zu benennen ent- spricht der vorherrschenden Forschungspraxis, je- doch wird ihre reale Bedeutung in der empirischen Sozialforschung in der deutschsprachigen sozial- wissenschaftlichen Methodenliteratur nicht immer ausreichend gewürdigt. Explorative Studien wer- den in den Sozialwissenschaften vielfältig ange- wandt. Ein exploratives Vorgehen wählt man, wenn das Forschungsfeld nicht hinreichend bekannt oder gänzlich unbekannt ist. Das Forschungsfeld muss in solch einem Fall zuerst erkundet werden, um mehr oder weniger systematisch Informationen zu sammeln, die anschließend zur Beschreibung so- zialer Sachverhalte oder zur Formulierung von For- schungsfragen sowie von Hypothesen verwendet werden können. Explorative Studien verwendet man sehr oft dazu, soziale Sachverhalte besser zu verstehen, aber auch um neue Methoden, Kon- zepte undTheorien zu entwickeln. Die Exploration kann hierbei das alleinige Ziel sein, häufig wird sie aber in Verbindung mit weiterführenden Studien durchgeführt, in denen es um die Beschreibung sozialer Sachverhalte und / oder deren Erklärung geht. Explorationen werden dabei auch als Vorstu- dien durchgeführt, aber da sich Forschungspro- zesse in der Praxis selten streng an systematischen Vorgaben orientieren, sondern eher komplex und iterativ sind, werden in der empirischen Sozialfor- schung Exploration, Beschreibung und Erklärung sinnvollerweise sehr oft wechselseitig miteinander kombiniert. Soziale Sachverhalte zu beschreiben ist wohl die häufigste Form angewandter empirischer Sozial- forschung. Im Mittelpunkt solcher Untersuchun- gen stehen die vier „W-Fragen „was“, „wer“, „wo“ und „wie“: Was sind die von Müttern gewünschten Betreuungszeiten in Kindergärten bzw. Kinder- tagesstätten? Wer bezieht Sozialhilfe in Deutsch- land? Wo finden sich die meisten verarmten Haus- halte in Deutschland? Oder, wie ist die soziale Lage von alleinerziehenden Frauen in Deutschland? Die Antworten geben uns Sozialstatistiken, Sozialbe- richte und Sozialsurveys, die mit Methoden der quantitativen empirischen Sozialforschung von Behörden im Rahmen der amtlichen Statistik oder durch die Wissenschaft erstellt werden. Sehr oft lassen sich explorative und beschreibende Studien nicht voneinander trennen: Fragen, wie sich Bevölkerungsteile voneinander nach Milieus, Lebensstile oder Lebenslagen abgrenzen lassen, waren in den letzten Jahren in der empirischen Sozialforschung sehr populär. Die Ergebnisse sol- cher Studien sind Beschreibungen, z. B. die pro- zentualen Anteile unterschiedlicher soziokultureller Milieus an der Bevölkerung. Die Abgrenzung der Milieus voneinander und die Bestimmung der An- zahl der Milieus kann jedoch nur, da unbekannt, explorativ ermittelt werden. So lassen sich z. B. Milieus von Jugendlichen danach beschreiben, wie hoch der Anteil von delinquenten Jugendlichen in den einzelnen Milieus ist. Die Frage „warum es in bestimmten Milieus ver- mehrt delinquente Jugendliche gibt“ unterscheidet sich von den „vier-W“ Fragen der Beschreibung sozialer Sachverhalte. Sie zielt nicht auf eine bloße Beschreibung eines Sachverhaltes ab, sondern hat eine Erklärung zum Ziel. Erklärung bedeutet hier, Gründe (Ursachen) anzugeben, die für einen be- stimmten sozialen Sachverhalt (Wirkung) verant- wortlich sind. Um soziale Sachverhalte zu erklären, ist daher immer eine „warum“-Frage notwendig, d. h. die Frage nach den Gründen, die etwas
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